Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
542
Einzelbild herunterladen
 

wiedererweckt: die Geschichte ist kein starres Gewesenes mehr sonderneine mit uns und in uns sich wandelnde Gegenwart lebendiger Geister,die Natur kein lockendes böses Draußen noch ein mathematisch-physika-lisches Etwas außer unserem Geiste mehr, sondern das gewaltige In- undUm-uns zugleich: der zauberische Leib des Lebens, das Reich des Lichts.Aus Geist und Licht hat dieser Sonnensohn die Bilder seiner Menschengeformt. Von der ersten Hymne bis zum letzten Lied erscheinen sie alsGeburten seiner umfassenden Menschlichkeit. Sie führen den ganzen tief-reichenden Aufbau unseres geschichtlichen Seins und das ganze mythischeReich der göttlichen und dämonischen, heldischen und lieblichen Ge-stalten herauf, wie sie seinen Traum bewohnten. Wir haben bei den ein-zelnen Werken die schimmernden und düsteren Reihen der Luft- undErdwesen, die hellen und dunklen Geschicke der Menschenwesen aufallen Stufen des einsamen und geselligen, auf allen Gipfeln und Schluch-ten des kämpfenden und leidenden Daseins, in allen heiteren Tälerndes in sich ruhenden träumenden Lebens betrachtet. Nur selten er-scheint da der Mensch des Dichters als Greis, wie der schlichte Retterdes Reiches oder die Greise, die sich der Jugend desSaitenspielers'freuen. DerSiedler" selbst im Kriegsgedicht ist alterslos und uralt zu-gleich, wie denn zuweilen der Meister in scherzendem Ernst von sichselber sagte: er sei hundert Jahre, um den Abstand der Last und Er-fahrung auch von den Freunden fast gleichen Alters mit ihm zu betonen-Meist zeichnet er sein Menschenbild als Mann im Ebenmaß von Mut undBesonnenheit, als Jüngling von schnellender Kraft und gefährlichem Wa-gen, als Knaben von Anmut und Regsamkeit, als Frau und Mädchen h 1vollster Blüte und keuscher Verhaltenheit. Aber immer sind diese Wesendes Dichters schön oder schön sich ersehnend, schön noch die dumpfe 11Kinder des Volkes im Schmuck der Feste oder das ganze Volk im g e 'meinsamen Wunder. Immer sind sie wegessicher, ohne die Tiefe z uscheuen, flugbereit, ohne die Ebene des Tages zu fürchten. Immer sindsie würdig und mit jener ehrfürchtigen Scheu gesehen, die der innerstenWesenszelle Georges entstammt. Jedes Wort seines Werkes sagt uns nri*Piaton, daß der Menschdas Wunder der göttlichen Kunst" ist, gegen denman die Pflicht der geheiligten Ehrfurcht nicht verletzen dürfe:Dennglaube nur ja nicht, heißt es im Minos, daß nur Bilder von Stein oderHolz oder Vögel oder Schlangen heilig wären, Menschen aber nicht. Einedler Mensch ist viel mehr das Heiligste von allem, wie ein unedler dasEntweihteste und Profanste". Wer diese höchste Ehrfurcht des Menschenvor sich selbst nicht nachzufühlen vermag, der verletzt schon durch seinDasein das göttliche Recht. Dennwer die Verwandlung und Vernich-

54 2