Druckschrift 
Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

Dichter: Paul Gerardy, Wenzeslaus Lieder, Karl Wolfskehl geschmückt.DAS JAHR DER SEELE ist der SchwesterAnna Maria Ottilie, der trösten-den Beschirmerin auf manchem meiner Pfade", DER TEPPICH DES LEBENSmit einer erläuternden VorredeMelchior Lechter" gewidmet. Auf die'ter und Begleiter der ersten drei Jahrzehnte blickte der Dichter so von derHöhe des Lebens noch einmal zurück und neigte sich vor ihnen in dankba-ren und bewundernden Worten, welche die schlichte sichere Menschlich-keit seines Wesens bezeigen.

Um so seltsamer stachen von dieser Haltung die Äußerungen der öffent-lichen Schreiber in Deutschland über Person und Werk des Dichters ab,als nun die Bondischen Ausgaben auf dem üblichen Wege an sie gelangten'Wir lernten bisher, um die Wirkungssphären Georges zu umschreiben, dieÄußerungen der Dichter und Künstler kennen, welche die neue Dichtungsofort als menschliche Anforderung erfuhren, die entweder ihr ganzes Da-sein in Frage stellen oder es wandeln und erhöhen mußte. Sie zerbrachendaran oder wurden von dem begeisternden Feuer, das sie anglühte, hingerissen und sagten bald rauschhaft bald nüchtern aber immer in ihrer Er-griffenheit aus, was sie gesehen und erfahren hatten.

Wir lernten weiter die Äußerungen der Gelehrten kennen, welche zwa fnicht in ihrem ganzen Menschtum erschüttert, woran jahrhundertalterHochmut nicht minder wie fachliche Vereinzelung sie hinderte, aber vonder Größe der neuen Erscheinung so gepackt wurden, daß der ernste Trieb,sie zu erkennen, zu erklären und vielleicht in die Reihe ihrer Probleme ein-zureihen, geweckt wurde und die besten von ihnen zu einem jahrelangenRingen um den Sinn der neuen Dichtung und die Bedeutung ihres Trägersführte. Zu den schon Genannten kamen in den nächsten Jahren noch dieStudien von Karl Lamprecht über den psychologischen Impressionismus(1901), von Kuno Zwymann über das Georgesche Gedicht (1902) un»einige Aufsätze der Simmelschülerin Gertrud Kühl, Schriften, die n» 4löblichem Bemühen die neue Dichtung als notwendige Stufe der Ent-wicklung, als Station auf dem Wege zum großen deutschen Dauerstil'als höchstes Beispiel für die ästhetischen Gesetze des Bedeutungs- Schall'und Knüpfungskunstwerkes und anderes erwiesen, und die bei mancherFlachheit der Sicht und Verschrobenheit des Urteils den Gegenstandihrer Bemühung mit Ernst und Eifer zu erfassen suchten. Wir lernenjetzt als dritte Sorte die öffentlichen Tagesschreiber und Kunstrichtervon Beruf kennen, die meist keine Zeit haben sich mit einer ernstenSache ernsthaft zu befassen und um den Neuheitstrieb ihres Publikumszu befriedigen, alljährlich eines oder mehrere Genies entdecken und alsHoffnung der Zukunft preisen und bald wieder verdammen müssen. Wi f

176