Jahrhundert zu Jahrhundert, ja von Jahrzehnt zu Jahrzehnt und in nochgeringeren Abständen den Wechsel von Aufstieg und Niedergang in denGeschicken der Völker ablesen, und selbst Scheinblüten enthüllen an diesenuntrüglichen weil unwillkürlichen Zeugnissen ihre innere oder erst be-ginnende Fäulnis.
Zur Zeit der größten staatlichen und geistigen Vorherrschaft der Deut-schen von Karl dem Großen bis zu Kaiser Friedrich II. besaßen wir dieklare schöne Karolingerminuskel, aus der dichtesten Vereinigung antikenund germanischen Wesens entsprossen und wie die romanischen DomeEbenbild der großen stolzen Männlichkeit jener Jahrhunderte. Mit ihrerVerwandlung in die gotischen Steil- und Eckformen ging das Element dererdenfesten Leiblichkeit verloren, das Überwiegen einer strebenden Be-wegung, einer Entsinnlichung zugunsten des Übersinnlichen teilte sichJedem Buchstaben jeder Zier und Schmucklinie mit. Aber trotz begin-nender völkischer Unterschiede durchdrang die gesamtgeistige HaltungR och alle Teile: die gotische Schrift ist Gebärde des gotischen Mensch-turns und erst ihre späte Übersprödigkeit und Spinnenlinigkeit verrät unsdeutlich die innere Schwächung der christlichen Bildungsgemeinschaft.Als die großen staatlichen und kirchlichen Spaltungen begannen, hattenian sich in den west- und südeuropäischen Völkern unter dem Einflußder „Wiedergeburt" im Glauben die antike Schrift der Römer wiederzuge-winnen zur Karolingerminuskel zurückgewandt, die dem neuen Sinn derErdenschönheit und weltlichen Bildung am besten zu entsprechen schien.Nur in Deutschland und den nordischen Ländern hielt man unter dem Ein-fluß der lutherischen Erneuerung christlichen Glaubens und Fühlens anden immer brüchiger gewordenen Formen der Spätgotik fest und ent-wickelte aus ihnen fast unmittelbar die barocken Formen der sogenanntendeutschen Schrift, deren wir uns heute noch vielfach bedienen. Die Jahr-hunderte der Ausbildung dieser Schrift waren nun leider die der tiefstendeutschen Erniedrigung durch Spaltung, Sondersucht und Zerfleischungder Stämme und Gemeinschaften, Vereinzelung und Winkelhaftigkeit derMenschen bis zur Kauzerei und Eigenbrötelei, des Widerstreites der Be-kenntnisse und Bildungsgruppen und der dadurch bedingten Abhängigkeitbald von diesen bald von jenen Mächten des Auslands. So wurde die Schriftdieser Zeit ein Bild der inneren Schwäche und Zerrissenheit. Form undGestalt unserer Schriftzeichen wurde durch die Zierkunst des Barock bis2 Ur Unkenntlichkeit entstellt, einfache Grundformen, die ehmals zwei Zügeder Feder erforderten, wurden zu Verschlingungen die öfter zehn und2 wölf Züge benötigten und die Bedeutung des Schriftzeichens kaum noche rkennen ließen. Als dann im 18. Jahrhundert unter dem Zwang der Ver-
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