aufblicken und vor diesem Einen aufsprühen lassen, was an verschlos-senen Kräften und Zaubern in ihm war! Freilich ein Dichterisches, daserkannte George bald, konnte die Ausdrucksform dieses Mannes nichtsein: sein Dithyrambus, den er George fast noch mit dem Pathos deseinsamen Wahnes vorlas, war das verworrene Gestammel einer pythischenStimme, aus dem nur hie und da der blitzende Funke eines zerbrochenenSchmuckstücks, der verlorene Fund eines tiefererregbaren Geistes auf-leuchtete. Aber die ganze Wirklichkeit seines fremden Menschentumstrat mit unheimlicher Kraft zutage, wenn er in abendlicher Gemeinschaftein Gefäß, eine Scherbe des Altertums in der Hand hielt oder von Ge-räten des Volkes redete, an denen noch heute auf dumpf überlieferten We-gen eine Wesenheit jener Zeiten hafte. Dann sprach eine dunkle monotoneStimme und es war keine Erklärung, keine Deutung der Bilder und Dingemehr, die sie gab, sondern ein Wiedererstehenlassen versunkenen Lebensselbst, ein Aufbeschwören von atmenden Gestalten, als habe die Zeit sichim eignen Schlund zurückgedreht und die Gegenwärtigen zu Mitleben-den eines ehemals kreisenden schöneren Lebens gemacht. George war dererste, der nicht nur begriff was Schuler wollte sondern auch was er war,der Wesen und Äußerung dieser dämonischen Natur gelten ließ und alswertvolles Menschtum in einer verstandesmäßig überzüchteten Zeit er-kannte. Er löste ihn aus seiner unfruchtbaren Vereinzelung, indem er ihmeinen Kreis zeigte worin er endlich seine Stimme erheben konnte undWiderhall fand.
2. KAPITEL: DIE ZWEITE FOLGE UND DERMÜNCHENER KÜNSTLERKREIS
ZUR gleichen Zeit, in der diese bedeutsamen Beziehungen geknüpftwurden, hatte auch ein junger Wiener, Leopold zu Andrian-Werburgsich mit einigen Gedichten an die Blätter gewandt und kam im Februardes Jahres 1894 selbst nach München, um George aufzusuchen. Der da-mals neunzehnjährige Andrian — er war 1875 in Wien geboren — stammteaus dem alten Geschlechte der Freiherren von Andrian und war von müt-terlicher Seite ein Enkel des Komponisten Meyerbeer: sonst ganz WienerBlut, wie er denn auch in Sprache und Gebaren das Wienerische mehrmarkierte als etwa Hofmannsthal, mit dem er schon bekannt war. Sonsthatte er wenig Ähnlichkeit mit dessen leiblicher Erscheinung. Er war vonkleiner fast zierlicher Gestalt, dunkler Prägung mit leichtem jüdischemEinschlag, aus den stolzen eigenwilligen Zügen seines Gesichtes stachen
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