einem großen Teile denen vor vierzig Jahren noch verzweifelt ähnlich —nur daß an Stelle des Rüpelhaft-Burschikosen das Rüpelhaft-Brüchige ge-treten ist — und wagten "nicht fast alle Literaturgeschichten unter derMaske wissenschaftlicher Unparteilichkeit, die ihre Verfasser jeder Stel-lungnahme zu den wichtigsten Fragen unseres Geisteslebens enthebt, jeneund ähnliche Machwerke und Zerfallsprodukte der achtziger und neun-ziger Jahre unter dem Kapitel „Stoffkunst", „Herrschaft der Materie",„Hochblüte des Naturalismus" oder ähnlichen gleichberechtigt neben diehohen Erscheinungen des deutschen Geistes der Vergangenheit und Gegen-wart zu stellen. In der natürlichen Aufeinanderfolge der Entwicklungbildet dann für sie wie der Naturalismus die Reaktion auf das Epigonen-tum so die Dichtung Georges und der Blätter für die Kunst die Reaktionauf den Naturalismus.
Aber noch bevor der deutsche Naturalismus überhaupt ein Werk vonBelang hervorgebracht hatte, stand das Gedicht Georges schon vollendetda und brachten die „Blätter" Strophen von einer Höhe und Schönheitder geistigen Haltung, die als einzige dichterische Erzeugnisse jener Zeitihren Wert behauptet haben. Die deutschen Zeitgenossen um 1893 frei-lich standen noch rat- und verständnislos vor diesen Werken. Die weni-gen, die sich darüber äußerten, stießen sich an der „verschrobenen Ortho-graphie". „Die Freie Bühne" höhnte, daß von der Lothringer Straße aus,wo es die billigen Mietbuden gäbe, die deutsche Literatur erneuert werdensolle, das Wolffsche Tageblatt nannte die abseits vom Wege stehendenSymbolisten, die gerade in den klingenden farbigen Worten das Haupt-instrument des Lyrikers suchten, ein paar talentvolle Leute, aber „siehaben nur Bedeutung als Einzelerscheinung, keinerlei für die Entwick-lung" (9. März 1893). Das Literarische Bulletin der Schweiz (1. Dez.1892) erkannte „das Originelle und Wertvolle der poetischen Beiträge"der ersten Blätterfolge noch an, fühlte sich aber auf so unsicherem Boden,daß es seine Betrachtung schloß: „Das ganze Unternehmen hat übrigenseinen Beigeschmack von Mystifikation. Wer weiß welcher Schalk dahin-tersteckt". Das waren die Stimmen der Heimat! Doch ist bemerkenswert,daß schon in den ersten Jahren nicht wenige „Dichter" von Namen sichmit Briefen und Beiträgen an die Blätter wandten oder in schlichterAhnungslosigkeit George zur Mitarbeit für ihre Wochen- und Monats-schriften gewinnen wollten. Weder die einen noch die anderen erhieltenjemals eine Antwort und niemals hat auch nur einer von den tausend wim-melnden Literaten die Wege Georges persönlich gekreuzt. Selbst dannmißlang eine Begegnung, als seine Binger Freundin Ida Coblenz ihnüberraschend mit ihrem späteren zweiten Manne zusammenführen wollte.
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