oberste Norm der beginnenden Zeit ist", so ließ sich einer und ähnlichandre vernehmen, „so ist diese für uns die Entwicklungszeit, welche derDogmenzeit schroff gegenübersteht. Wir sind Entwicklungsmenschenund begründen die Entwicklungsliteratur".
Zum völligen Widersinn mußten diese Anschauungen führen, sobaldman sie von der Prose auf das Gedicht übertrug, dessen Wesen schondas geistige Gesetz in sich begreift. Einige Vertreter der neuen Richtungbehalfen sich mit „freien Rhythmen" oder dem „Achsengedicht", bei demganz äußerlich die Verse um eine senkrechte Mittellinie geordnet wurden,die Folgerichtigsten aber gingen in der neuen „Revolution der Lyrik"(1886) so weit, „Sprache und Form als konventionelles äußerliches Ge-wand" zu betrachten, als „das sogenannte Künstlerische", an dem mannicht allzusehr haften dürfte. Ja die „Moderne Dichtung" vom Januar1890 hielt die Form in gebundener Rede, überhaupt die Lyrik als Dichter-beruf für überlebt und meinte, wenn die Poesie nur „die Wahrhaftigkeitdes Lokaltones, den Erdgeruch der Selbstbeobachtung, die dralle Gegen-ständlichkeit des Ausdrucks zeige, so sei es einerlei, welche Form der Ge-danke sich im Einzelnen wähle".
Freilich für die Entstehung selbst solcher Gebilde der Gesetzlosigkeitvertrösteten die unzähligen schnell aufschießenden und schneller ver-schwindenden Zeitschriften immer wieder auf die Zukunft und als endlichWerke kamen, ließen sie sehen, wie Wolfskehl später sagte, was an derganzen Sache — nicht war. „Die viel berufene in alle übelriechendengeheimen Kammern hinausgreifende .Erweiterung des Stoffgebietes' —welche Formen schuf, erglühte sie sich? Welcher von all den Sünden-liedermachern, Menschenliedermachern, Tagebuchbrünstlingen, Adjutan-tenrittern fand eine rhythmische Folge, einen aufbauenden Ton, ja nureinen Reim, die nicht von Heine bis Heyse als längst erprobte Kunst-mittel im Schwange gewesen wären! Es wird einmal für Literaturge-schichtslehrlinge eine so leichte als erheiternde Aufgabe sein, diese Zu-sammenhänge festzustellen und vor allem zu zeigen, wie in den damalsbeliebten mörderischen Vorworten gerade diejenigen der äußersten künst-lerischen Frevel geziehen werden, deren vorgebahnte Wege der betref-fende Pontifex des Bannstrahls in dem freilich oft nur wie ein Anhängselwirkenden Werke selber zu wandeln sich gezwungen fühlte". War ein Ge-dicht einmal lesbar, so war es durchaus Epigonenmache. „Man muß esheute aussprechen: Keiner der damals .Führenden' das heißt eifrig sichgebärdenden Geister hat der Struktur, dem Wesen der Kunst auch nurden geringsten Dienst erwiesen. Einzig die bis dahin herrschend geweseneSachkonvention änderte sich nach einer für Zeiten sinkenden Lebensge-
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