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Stefan George und die Blaetter fuer die Kunst : dt. Geistesgeschichte seit 1890
Entstehung
Seite
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VORREDE

DIE Erscheinung Stefan Georges ist heute nicht mehr aus der zeitge-nössischen Geistesgeschichte wegzudenken. Aber über ihn und seinenLebenskreis gehen heute schon bis auf die einfachsten Tatsächlichkeiten dieabenteuerlichsten Märchen um. Es ist daher die Absicht des Verfassers die-ses Buches, das Geschichtlich-Bedeutsame nach möglichst nah von denQuellen selbst ausgehenden Feststellungen zusammenzutragen und einBild des Georgeschen Lebens und Wirkens zu entwerfen, das später docheinmal von Geschichtschreibern mit minderer Sachkenntnis und geringe-rem Einblick versucht würde. Die Geschichte des Lebens und WirkensGeorges jedoch ist zugleich die Geschichte der von ihm ausgegangenendichterischen Bewegung der Blätter für die Kunst und ihrer Auseinan-dersetzung mit den geistigen Richtungen der Zeit, soweit sie von Georgeund seinem Werk berührt, verwandelt oder in einen notwendigen Gegen-satz zu seinem Weltbild gedrängt wurden. Von seiten Angreifender ist oftgesagt worden, daß man über eine jetzt lebende Gestalt so Endgültiges,so unbedingt klingende Verkündigungen noch nicht äußern könne. Daraufist zu erwidern: Was alles ist in dem von uns durchmessenen Zeitraumschon für höchste Dichtung und Geistesäußerung von weittragender Be-deutung ausgegeben worden, das meist nach fünf Jahren in den Abgrunddes Schweigens gesunken ist! Die hier behandelte Bewegung jedoch hatsich nun vierzig Jahre gehalten und ihr Wachstum stetig ausgedehnt.Dann möchten wir noch die Bemerkung eines anständigen Gelehrten deralten Schule hier zur Kenntnis geben:Was hilft es uns später, wenn wirüber alle Erscheinungen der Vergangenheit seit Erschaffung der Welt dietiefsten Dinge geäußert haben und an der bedeutenden Erscheinung, dieunter uns lebt, vorübergegangen sind. Müssen wir uns da nicht schämenbis übers Grab hinaus?" Und Goethe sagt:Das Wichtigste bleibt dochdas Gleichzeitige, weil es sich in uns am reinsten abspiegelt, wir uns inihm." Von dieser hohen Meinung aus haben wir uns nicht gescheut, dasMiterlebte so zu schildern wie wir es mit unseren Augen gesehen und anuns selbst erfahren haben. Wir glauben um so eher, der Wahrheit desGeschehens damit am nächsten zu kommen, als sowohl die Urteilsmitteldes öffentlichen Kunstrichtertums wie die der kritischen Wissenschaftjahrzehntelang vor der Bedeutung Georges und heute noch vor der vonihm entfachten geistigen Bewegung unzulänglich blieben. Zuerst wurdevon der ganzen Schar der Literaturteilnehmenden und Gebildeten die Er-scheinung Georges als vorübergehend und ohne Einfluß auf die geistige