I. Der Novus Aesopus des Baldo. 3
da er sich innerhalb einer bloßen Besprechung mit einigen Probenbegnügen mußte. Doch ist es klar, daß dieser Novus AesopusBaidos für die Gresamtbeurteilung der Wanderung und Ausgestal-tung des Pancatantra im Okzident von großer Bedeutung ist. Da-her fühlte ich seit vielen Jahren den sehnlichen Wunsch, einerzweiten, vor allem vollständigeren Kopie dieser Dichtung habhaftzu werden. Freilich erwies sich eine Spur, die nach der Stifts-bibliothek Melk 1 ) führte, als trügerisch. Als ich, durch die Notizvon Huemer, Wiener Studien IX, S. 60, geleitet, mir die MelkerHs. 8 R. 15 kommen ließ, fand sich dort unser Text keineswegs,und alle Nachforschungen im Kloster selbst waren vergeblich. Hin-gegen ist es mir infolge der trefflichen Beschreibungen in denXenia Bernardina, P. II: Die Handschriften-Verzeichnisse derCister-zienser-Stifte, Wien 1891, S. 151, gelungen, das vollständige Werk inder Perg.-Hs. der Stiftsbibliothek Heiligenkreuz 112 (Anfang 14.Jhdts.) 2 ) auf f'ol. 114 v —121 r (in 2 Kolumnen geschrieben) zu ent-decken, die ich dank der Liberalität dieses Stifts, wofür ich auchhier gebührenden Dank abstatte, auf der Göttinger Univ.-Biblio-thek benutzen durfte. Hier heißt der Verfasser Balbo, man darfaber einen Kopistenfehler annehmen, da die Namensform Baldoin Italien sehr bekannt und oft belegt ist. Unser neuer Text gibtnicht nur in glücklicher Art Aufschluß über die Verderbnisse derWiener Kopie, sondern füllt auch innerhalb der bereits bekanntenStücke manche Lücke aus und liefert das vermißte Plus von 7ganz neuen Fabeln, über deren literarischen Wert die folgendenBemerkungen zu dieser Neuausgabe der ganzen Sammlung dasNötigste bringen sollen. Am Schluß steht eine Fabel (De ciconia
1) Vgl. bereits M. Kropff, Bibliotheca Mellieensis, Wien 1747, S. 45 undLessing, Verm. Schriften II, Berlin 1784, S/250 = Sämtl. Schriften hgb. K. Lach-mann, 3. Aufl. von F. Muncker, Bd. XVI, Leipzig 1902, S. 158. Den irreführendenNamen Meilen (statt Melk) hat noch Du Meril a. a. 0. S. 213: „mais l'abbaye deMeilen, oü il [Lessing] les [les fables] avait probablement vues [falsche Annahme,da Lessings in Breslau entstandene Notiz noch vor seine Wiener Reise 1775 fällt], adisparu comme tant d'autres, et nous n'avons pu decouvrir ce qu'elles [les fables]sont devenues lors du deplacement ou de la dispersion de la bibliotheque. Labibliotheque de Meilen n'est point mentionnee dans l'Annuaire des Bibliothequesallemandes".
2) Der Codex (mit dem alten Besitzervermerk auf fol. l r : Iste über est beateMarie virginis in sancta f. primus liber) enthält noch: Isidori Hispaliensis Sen-tentiarum libri tres — Moralium dogma philosophorum — s. Bernardi sermones —Gualteri ab Insulis Alexandreis — Hildeberti Cenomanensis Zosimas 'Sicut hyempslauri' — Vita s. Marine ; virginis metrice 'Quis queat effari' (bisher unbekannt,wird von mir abgedruckt werden) — Horatii Satyre.
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