I. Der Novus Aesopus des Baldo.
Kein glücklicher Stern waltete über der Publikation des sog.Novus Aesopus eines Italieners Baldo, über den wir sonst keinerleiNachrichten besitzen. Denn mißlich ist in vielen Fällen die Auf-gabe des Erstherausgebers, dem eine einzige und gar verstümmelteHandschrift vorliegt. Diese bisher allein bekannte Hs. Wien 303(14. Jhdt.), die den Text auf fol. 92*'—102 r bietet, obwohl sonstbemerkenswert durch die größere Zahl wichtiger Dichtungen(Cato, Novus Cato, Avianus, Pauper Henricus, Passio b. Katharine,Liber morum 'Cum nichil utilius', Mammucius (Vita Mahumeti), Pa-raclitus 'Vir celebris quondam', Synonima 'Ad mare ne videar',Pamphilus, Facetus 'Moribus et vita', Novus Avianus, Liber quin-que clavium 'Utilis est rudibus', Ovidius puellarum = Nunciussagax, Contemptus mundi 'Cartula nostra tibi', Pilatus, Physio-logus 'Tres leo naturas', Greta, Maximianus (Elegien), Miles, MiloConstantinopolitanus, Alda; vgl. C. Lohmeyer, Gruilelmi BlesensisAldae comoedia, Lipsiae 1892, S. 45), ist äußerst mangelhaft undvor allem unvollständig. Sie hat nur einen Prologus und 28 ein-zelne Fabeln, während wir aus einer Anthologie des Hieremias deMontagnone, eines urkundlich zwischen 1275 und 1321 beglaubigtenPaduaner Bürgers aus dem Richterstande, der einzelne Stellen ausdem Fabelwerk anführt*), wissen, daß es im ganzen 35 Stückeenthalten haben muß. Der um die lat. Literatur des Mittelaltersso hochverdiente Edelestand du Meril konnte in seinen Poesiesinedites du moyen äge, Paris 1854, S. 213—259, zumal er nur nacheiner fehlerhaften Abschrift der Wiener Hs. arbeitete, nur eineunbefriedigende Edition liefern, in der überdies zahlreiche Text-besserungen recht unglücklich ausgefallen sind. Aber auch diefolgende Edition durch Leopold Hervieux, Les fabulistes latins,t. V : Jean de Capoue et ses dörivtSs, Paris 1899, S. 339—378 (Ein-leitung dazu S. 32 ff.) ist keine Musterleistung, mag er auch unter
1) Compendium moralium notabilium per Hieremiam, judicem de Montagnone,civem paduanum, Venetiis 1505. Über den Verfasser vgl. P. Rajna, Studj di filo-logia romanza V (1891), S. 193 ff.
Abhandlungen d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Phil.-Hist. Kl. N. F. Bd. XXI, a. 1