Druckschrift 
Trauerrede bei der Gedenkfeier für den verewigten Rabbiner Dr. Salamon Ranschburg am 24. Jänner 1895 = 28. Tebeth 5655 :
(am Stiftungsfeste der Chewra-Kadischa)
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

5

jenen Männern darf angereiht werden, die

-

nach

einem Worte unserer Weisen von sich rühmen durf-

Sukkah 53a) Heil) אשרי ילדותנו שלא ביישה את זקנתנו: ten

unseren jungen Jahren, deren wir uns im Alter nichtzu schämen brauchen«. Wenn er oft im FamilienkreiseRückschau hielt auf seine vergangene Lebenszeit undwie mit sich selber redend, sich hineinversenkte in alte,alte Erinnerungen und der Aufhorchende sein Greisen-thum mit seiner Jugend zusammenhielt und beide mit-einander verglich, da sah er hochklopfenden Herzensein Leben vor sich ausbreiten, wie es lauterer nichtgelebt, erhabener nicht gedacht werden kann.

Die majestätische Ebenmässigkeit und der hoch-geartete Adel seiner Natur, die himmlische Reinheit seinerDenkweise und die kristallhelle Durchsichtigkeit seinerGesinnung, die ankerfeste Überzeugungstreue und diephilosophisch abgeklärte Lebensanschauung, die seineganze Seele durchdringende Gottesfurcht und Gläubig-keit, seine in den höchsten Lichtkreisen sich bewegendeAuffassung vom Judenthume und die heilige, unerschüt-terliche Zuversicht, dass die religiösen und sittlichenIdeen unseres Bekenntnisses, wenn auch spät und schritt-weise, aber gewiss die Siegespalme einst erreichen wer-den diese, durchaus nicht übertriebene, sondern kaltund streng bei der Wahrheit bleibende Schilderungseines Charakters, sie zeugt für ein Leben von bewun-derungswürdiger Grösse, wie es nur die vornehmstenGeister zu führen im Stande sind, Geister, die schonam frühen Morgen ihrer Jugend die Quadersteine edel-ster Sittlichkeit zusammen tragen und zum herrlichenLebensbau über- und aneinanderreihen.

Er stammt aus einer alten, französischen Familie,von der ein Zweig durch den Sturm der Verhältnissenach Böhmen getragen ward und hier, in einem kleinenStädtchen, Luže, erblickte er im Jahre 1816, am 26. Aprildas Licht des Tages. Sein gelehrter Vater Samuel, unter-hielt daselbst eine private Bibel- und Talmudschule,