222
müssen sich dann selbst erst beweisen, daß sie leben, ehesie es glauben; sie werden Düftler, die vor lauter über-schwenglichen Ideen nicht zum rechten Ideal gelangen; sietragen dünkelhaft und stolz ihr Haupt, und sehen Jedenfür einen bejammernswerthen Teufel an, der die Schlangen-züge ihrer vermeintlichen Weisheit nicht fassen, nicht er-lernen kann." „Daran ist wohl die Wissenschaft nichtschuld!" fiel ich meinem Führer ins Wort. „Sie selbstnicht, aber ihre Ausleger und Ausbreiter!" Schon binich müde, klagte ich jetzt, ich sehe wie jede Stufe derMenschheit, sie mag so hoch sein wie sie will, auch ihreGefahren und schlimmen Folgen hat. „Mein Führer,"sprach ich, „Ruhe ist für den Menschen hier nicht zu finden;Weltmenschenthum, Weltschmerzthum, Philosophenthum —ach sie vermögen das Herz mir nicht zu erheben; giebt es hierkeine Kirche, keine religiöse Gemeinschaft, daß ich dort wiedererwärme." „Gewiß! Laß uns nun dort eintreten?" Wirstiegen höher und höher; ich hörte Glocken klingen, und einChoral tönte'mir entgegen. Wir traten ein in eine Capelle,die gar wundersam geschmückt war. Ein Marienbild fiel mirsogleich auf, welches vom Gold fast erdrückt wurde; herr-liche Säulen die mit goldnem Schmuck umwunden warentrugen den Altar; Priester sah ich in herrlichen Gewändernauf und abgehen, knieen, aufstehen und wieder knieen, ichsah ein heiliges Geberdenspiel, ich hörte viele Worte, aberich verstand sie nicht; ich wollte auch mit niedersinken, aberich vermochte es nicht. Ein Gedanke störte mich. Ist dasein Bethans dessen, welcher nie den Prunk liebte, welcherGott im Geist und in der Wahrheit verehrt haben wollte,ist das eine Kirche dessen, der da sagte: Ihr sollt nichtviel plappern wie die Heiden, denn sie meinen sie werden