208
hängt eine goldene Kette, an welche ein Crucifix befestigtist. Die Leser haben den Namen des ehrwürdigen Greisesgewiß schon errathen; es ist unser in Ruhestand versetzterBruder Feßler. Sein Kaiser befreite ihn von den Mühenseines Amtes, im Jahre 1827, ehrte ihn durch den Titeleines Generalsuperintendenten, und rief ihn nach seinerHauptstadt, um ihn in der Nähe zu haben. Damit keinMißton die letzten Tage seines Lebens stören sollte, wünschteder Kaiser, daß er die Feder weglegen, und in stillemGenuß und in wahrer Ruhe dahinleben möge. — Wirsehen ihn jetzt den Altan verlassen und wir treten ein beiihm, um uns an seiner Würde, seiner Freundlichkeit zuerbauen. Es kommt bald Besuch. Künstler, Schriftsteller,Sänger, Musiker treten ein. Einem jeden reicht er treu-herzig die Hand, und sieht ihm dabei forschend ins Augehinein. Sein Blick ist so scharf, daß er bis auf den Grundgeht. Mit einer Lüge wagt Keiner vor ihn zu treten.Er geht dann von Einem zum Andern und lacht mit demEinen, mit dem Andern schwärmt er; den Dritten munterter auf, wieder einen Andern trstöet er, klopft ihm auf dieSchulter und ruft ihm sein Lieblingssprüchwort zu: „Nurunverzagt, der alte Gott lebt noch!" Es beginnt sodannDeclamation, oder Concert, oder Gesang. Namentlich istMusik die Freude seines Alters geworden, und wenn ereine schöne Symphonie oder Ouvertüre oder eine ergrei-fende Arie aus dem Munde seiner geliebten Tochter hört,so sind Thränen der Rührung oft nicht fern. Und in dieserWeise, mit stiller Einkehr bei sich selbst, mit traulicherFreude in seiner Familie, mit Poetischem und musikalischemGenüsse, feiert er fast jeden Tag. In seinem Lebens-wandel ist eiserne Regelmäßigkeit. Wie schön aber auch