138
neigte sich mehr und mehr dem thätigen, reinen Christen-thume zu, worin ihn das Haus Molinaris, der ein kleinesLandgut bei Möding hatte und Jansenist war, nur be-stätigte. Er ward durch diesen daraus hingewiesen, dieDogmen der Kirche nicht als positive Lehrsätze, sondernals symbolische Aussprüche religiöser Anschauungen, unddie kirchlichen Ceremonien nur als Allegorie oder Lyrik,als Formen religiöser Gefühle, nicht als Leben der Religionselbst zu betrachten. Wollte dies auch dem jungen Priesternicht recht verständlich und annehmbar scheinen, so trug dochwenigstens der freundliche, edle und wahrhaft moralischeGeist, welcher die Familie Molinaris durchwehte, vieldazu bei, ihn mit den Jansenismus, und so auch mitder Arbeit am eignen Herzen mehr und mehr zu beschäftigen.Je eifriger er sich aber um die Veredlung seines Innernbemühte, desto frischer ward auch sein Umgang mit Gott,desto aufrichtiger ward sein Gottesdienst, den er zu haltenhatte. Seine Grundsätze, der Außenwelt gegenüber, warennur Resultate seiner Erfahrung. Kein Wunder wäre esgewesen, wenn er in der Schule der Mönchs-Ränke, ineiner Welt voll Heuchelei, voll Spionirsucht, voll Selbst-sucht und Schlauheit, voll Jntrigue und Bosheit, zumMenschenfeinde oder zum Heuchler und Betrüger sich aus-gebildet hätte. Aber der beßre Kern seines Herzens ließihn so tief nicht fallen; er behielt immer eine gewisse Frei-müthigkeit und eine wohlwollende Neigung gegen Andere;nur gesellte sich dazu eine strenge Vorsicht, die auf dieMenschenkenntniß gegründet war, die er sich bisher er-rungen hatte. War er also auch etwas argwöhnisch, listig,wir dürfen und wollen deshalb nicht über ihn richten, wirwollen nur demüthig Gott danken, wenn er uns in Kreise