125
Gnade!" Die Ursache dieses Benehmens erklärte sie ihremSohne später also: „Sie wollte keine Gnade empfangenvon einer Herrscherin, welche so gottesfürchtige und lieb-reiche Leute, wie die Lutheraner, ungehindert verfolgenließ." Sie war nicht nur sehr vertraut mit vielen Luthe-ranern , sonder besuchte auch in wahrer Andacht ihre Bet-häuser, und so oft auch die Jesuiten und Carmeliter siedavon überzeugen wollten, daß die römisch-katholische Re-ligion die einzig selig machende sei, immer scheiterten ihreRänke an dem edlen Gefühl und der gesunden Denkartdieser Frau. Und so sehen wir jetzt schon, wie zweiZüge sich in dem jungen Feßler entwickeln mußten, dieNeigung zum römischen Cultus, überhaupt zu religiösenCeremonieen, aber auch die Sympathie für ächte Mensch-lichkeit, für Liebe und Duldung. Im Laufe des fünftenJahres lernte der kleine Ignatius von seiner Mutter lesenund schreiben, und von nun an mußte er sich alles An-genehme durch Borlesen verdienen. Kein Wunder daher,daß er nach einem Jahre nicht nur vollkommen richtig,sondern auch mit Ausdruck las. Mit den gewöhnlichenFreuden und Unarten der Kinder blieb er völlig unbe-kannt, dafür schuf ihm seine religiöse Mutter eine Welt,die zwar weit über seinen kindlichen, geistigen Gesichtskreishinausging, aber doch in Folge für ihn schützend undsegensreich wurde. Er las das Leben der Altväter undEinsiedler und das Leben der Heiligen Gottes. Wie leichtfreilich durch das Lesen solcher Bücher eine kindlichePhantasie irre geleitet werden kann, zeigt deutlich folgenderVorfall. Die Mutter hatte ihrem Sohne oft genug wieder-holt, daß das Nachahmen der Heiligen die rechte Aufgabefür einen Christen sei, und so träumte sich denn der kleine