Druckschrift 
Maurerische Blüthen : Erzählungen, Reden u. Gedichte aus dem Freimaurerleben
Entstehung
Seite
124
Einzelbild herunterladen
 

124 _

Mutter, eine geborne Anna Maria Kneidinger, war nichtnur eine sorgsame Hauswirthin, sondern auch eine frommereligiöse Frau. Daher dürfen wir uns nicht wundern,daß sie innig über der Wiege des kleinen Ankömmlingsbetete und zu ihrem Manne sprach:Dir ist ein Sohngeboren, und als Erstling soll er dem Herrn geheiligt sein."Bei der Taufe bekam Feßler den Namen Ignatius, weildie Mutter für den Stifter der Jesuiten schwärmte, derihr nur von den besten Seiten geschildert worden war.Wir werden im Laufe der Erzählung noch manchmal dieserMutter gedenken und bei räthselhaften Erscheinungen imLeben unsres Bruders auf dieselbe Hinweisen. So oft sieihr Söhnchen zu sich nahm, ihm Nahrung reichte oderihn wartete, pflegte sie zu beten oder in der NachfolgeChristi des Thomas a Kempis zu lesen. Als der Blitz indie Kinderstube geschlagen hatte, gefiel es den Eltern nichtmehr im Orte. Sie siedelten nach Preßburg über, woder Vater Dienste bei den Grafen Arco nahm. Hierkleidete nun die Mutter das vierjährige Söhnlein alsJesuit, und mancher innige, schwärmerische Wunsch mochtedabei durch ihre Seele gehen. Hätte sie nur die einestreng religiöse Seite besessen, so möchte wohl ihr Er-ziehungswerk einseitig geworden sein; ja, es hätte viel-leicht bittere Früchte getragen, die Früchte der Heuchelei,der Frömmelei und des Abscheues vor Andersgläubigen.Aber sie hatte in dem Kranze ihrer weiblichen Tugendenzum Glück auch die Liebe und die Milde. Als Feßler mitihr in dem Elisabethiner Nonnenkloster war, sah ihn dieKaiserin Maria Theresia, liebkoste ihn und erlaubte derMutter, sich eine Gnade auszubitten. Diese antwortete:Ich bitte für mich und meinen Sohn allein um Gottes