XII.
Die kulturellen Zustände am Ende des 16. und Anfangdes 17. Jahrhunderts in Deutschland und insbesondereim Kurfürstentum Köln.
In der Geschichte gibt es, wie im Einzelleben der Menschen, ein Auf undAb. Friedenszeiten wechseln mit Kriegszeiten, und damit wechseln Wohlstandund Armut, Glück und Unglück, Gesittung und Verrohung.
Das 16. Jahrhundert, das durch Kriege verhältnismäßig nur wenigerschüttert war, hatte unter dem Einfluß des Humanismus und dckr Refor-mation auf geistigem Gebiet dem deutschen Volke reichen Segen gebracht. DieStädte hatten höhere Bildungsanstalten ins Leben gerufen. Das niedere Volkhatte seine Schulen erhalten. Überall herrschte Wohlstand.
Da setzte die Gegenreformation ein: es begann jenes gigantische Ringender beiden Konfessionen, das seinen Abschluß fand in dem DreißigjährigenKriege. Fast alle großen Geschehnisse der damaligen Zeit stehen unter demZeichen der Religion: Jede Partei glaubte für das, was ihr heilig war, selbstBlut vergießen zu dürfen. Inwieweit Hertmannis bei diesen Kämpfen beteiligtwaren, wissen wir nicht. Aber das dürfen wir als ganz sicher annehmen, daßjene religiösen Kämpfe ihre Wellen auch in ihre Häuser und Herzen hinein-geschlagen haben. Denn diese religiösen Kämpfe haben unser Vaterland inall seinen Teilen erschüttert und in ein namenloses Elend gestürzt.
Es gab in jener Zeit noch keine stehenden Heere. Die Zunft der Lands-knechte, die noch unter dem Kaiser Maximilian und Karl V. eine bedeutendeRolle spielten, die gewiß aus rohen beutegierigen Gesellen bestand, die abertrotzdem wegen ihres frischen, ritterlichen Geistes, der sie beseelte, den Rufdeutscher Tapferkeit um sich verbreiteten, war aus dem öffentlichen Lebenallmählich geschwunden. Als der Dreißigjährige Krieg begann, entstandenüberall Söldnerheere. Der Sold aber stand hoch, und schon ein mäßiges Heerzu unterhalten, ging Uber die Kräfte des einzelnen Fürsten, selbst des Kaisershinaus. So kam der schreckliche Grundsatz auf: Der Krieg muß den Kriegernähren. Aus aller Herren Länder strömte das kriegs- und beutelustigeGesindel zusammen, von einem Heer zum andern liefen die Soldaten Uber.Wo gerade die meiste Ungebundenheit, die meiste Hoffnung auf Gewinn war,dahin zog sich die Masse. Und was schloß sich nicht diesen Massen alles an!Es kam soweit, daß man auf etwa 40 000 Mann kampffähiger Soldaten einenTroß von 180 000 Menschen (Soldatenweiber, Marketenderinnen, fahrendeDirnen usw.) rechnen konnte. Wehe dem Land, durch das solch ein Heer zog:es wurde zur Wüste. Der Bauernstand verkam, die Dörfer lagen in Asche, derViehbestand ging ein, das Feld verwuchs. Was vom Krieg verschont war, dasraffte die Pest dahin. So war es auch in den Städten, die völlig verwahrlosten.Es war ein Elend in deutschen Landen, das kaum zu beschreiben ist.