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Lykurg.
Satzes allerdings ist, so unwahrerscheint dessen ungeachtet die erste Hälfte desselben(wenngleich Montesquieu — Esprit <Iss loi«, IN,. IV. cbap 6. — darauf ein eigenes um-ständlicheres Raisonnement baut). Oder gehört etwa auch DaszurgrößtenFreiheit,daß sich der Vater sein nicht völlig ebenmäßig geformtes oder schwächliches Kind Hinweg-reißen, es aussetzen, vor Elend umkommen oder von wilden Bestien aufsressen lassen muß ?Gehört auch Das dazu, daß ec überhaupt keines seiner Kinder selbst erziehen darf, nachseinen Ansichten, seiner Ueberzeugung? Oder daß dem Bürger das Recht nicht zusteht,sich in irgend einem Zweige weder des Familien- noch des öffentlichen Lebens ungehindertzu bewegen, wäre es auch nur, daß er einmal mit den Seinigen speisen wollte! Selbst dievollberechtigten Bürger standen unter so strenger öffentlicher Zucht, daß ihnen ein Feldzug(da die Gesetze im Kriegevergleichsweise die milderen waren)einFest zuseindünkte! (Wehedem Volke, zu dem diese Barbaren als Sieger kamen!)
So finden wir denn den vernunftwidrigen, ganz unnatürlichen, zur Entwürdigungder Menschheit führenden Grundsatz: „daß der Mensch nur des Staates, der Staat nichtder Menschen wegen vorhanden sei", bei den Spartanern in der vollsten Ausdehnung inAnwendung gebracht. Dieses Zweckes wegen ist insbesondere alle naturgemäße geistigeEntwickelung, die Möglichkeit jedes höheren, geistigen Voranschreitens niedergetreten; ihmist die Sittlichkeit, welche eine der Grundfesten der Staaten sein soll, zum Opfer ge-bracht (man denke nur an die der Erzeugung kräftiger Kinder wegen eingeführte Art derWeibergemeinschaft); seinetwegen sind alle Bande der Natur zerrissen, sind die natür-lichsten Gefühle des Menschen, zumal als Eltern, mit einer Rohheit niedergedrückt, wiewir sie an den wilden Bestien nicht gewahren; dieses verderblichen Grundsatzes wegenmußte endlich alle wahre Freiheitdes Menschen aufhören, denn selbst die angebliche Frei-heit der Pcivilegirten bestand in nicht mehr als im Rechte des Müßigganges und im Rechteder Unterdrückung aller anderen Menschen, im Rechte der Verhöhnung alles Dessen, wasder gesammten Menschheit am Theuersten sein muß.
Billig fragen wir, wie es denn nur möglich gewesen sein mag, eine solche alle Ver-nunft wie alles Gefühl gleichmäßig empörende Verfassung einführen zu können? Lykurg,so vermuchen Einige, habe das Zeitalter der homerischen Helden zurückzuführen und inSparta zu verewigen gesucht. Damit ist aber offenbar diese Möglichkeit noch nicht dar-gethan. Hätte die höhere Civilisation bereits wirklich festen Fuß in Lakedämon gefaßtgehabt, wäre auch nur das Privateigenthumsrecht des Einzelnen auf Grund und Bodenseit längerer Zeit allgemein anerkannt, oder wären Gold - und Silbermünzen die gewöhn-lichen Circulationsmittel gewesen: so hätte es Lykurg gewiß niemals vermocht, alle dieseDinge so kurzweg umzugestalten, den gesammten Socialzustand umzustürzen und eineseit Jahrhunderten durch den Geist der Cultur verdrängte, durchaus rohe Grundlage dergesellschaftlichen Verhältnisse wieder herzustellen.
So gelangen wir denn zu folgender durch die auf uns gekommenen Nachrichten sowie durch die Art der Verhältnisse an sich vielfach bestätigten Vermuthung: Lykurg lebteln derjenigen Zeit, in welcher die edlere Bildung und Civilisation unter den Hellenen erstzuent st eh en begann. Diese Neuerungen, diese Umgestaltungen der Verhältnisse fingenkaum erst an, da und dort unter einzelnen Spartanern einigen Anklang zu finden. Indie Masse des Volkes war noch wenig davon gedrungen. Diese Dinge nun fern zu hal-ten von seinem im Ganzen noch durchaus rohen Volke, war die Hauptaufgabe, welchesich Lykurg setzte. Hätte man zu Sparta schon kunstmäßige Bauten aufgeführt, wie heutebei uns, oder wie selbst, nicht sehr entfernt von jener Zeit, in Athen, so würde man einenGesetzgeber als Tollhäusler verlacht haben, der hätte verbieten wollen, andere Werkzeugeals Säge undAxt beim Baue der Wohnungen anzuwenden; — ausgeführt wäre ein solchesVerbot gewiß nie geworden, so wenig als wenn heute der mächtigste Herrscher den Be-wohnern Deutschlands gebieten wollte, in Höhlen zu wohnen und sich in Thierfelle zu klei-den , wie von den alten Germanen erzählt wird.
Darauf, daß ein solcher Kampf des Neuen gegen daslVeraltete in Sparta eben zubeginnen drohete, in einzelnen Beziehungen wohl schon sogar bereits begonnen hatte, alsLykurg sicherhob, deuten insbesondere die Schilderungen von den Unordnungen, welche