692 Lykurg.
12) Die Bewohner des lakedämonischen Gebiets erscheinen kastenartig in verschie-dene, streng von einander abgesonderte Stande geschieden, mit ganz ungleichen Rech-ten und Verpflichtungen. Diese Abtheilungen waren:
n. Die eigentlichen Spartaner. Sie bildeten eine allein herrschende Oligarchie;in ihren Händen ruhete alle Staats- und Regierungsgewalt; alle anderen Einwohner wa-ren ihnen unterthan; jede andere Beschäftigung als eine kriegerische hielten sie für enteh-rend: darum brachten sie während des Friedens fast ihre ganze Zeit mit kriegerischenUebungen oder — im Müßiggang« zu.
i>. Die Lakedä monier oder Periöken. Sie galten für die alten BewohnerLakoniens, waren aber der ersten Elaste zinsbar und wenn auch nicht geradezu leibeigen,doch jedenfalls der höheren staatsbürgerlichen Rechte beraubt. Sie besaßen die meistenOrte an der Küste und im Innern des Landes und trieben Feldbau; die Wenigsten vor-handene (unbedingt nothwendige) Gewerbe. Zwischen ihnen und den Privilegirtenherrschte Eifersucht und Haß. Daher ließen mehrere der lakonischen Städte bei einem derFeldzüge des Epaminondas ihre Truppen mit jenen der Thebaner vereinigen. — Von denden Periöken überlassenen Feldstücken mußten sie den Spartanern einen Theil des Er-trags alljährlich abliefern.
c. Die Sklaven. Es scheint, daß es deren zweierlei Elasten gab: Helotenund Messen! er- Von den Letzteren, die am Allerbarbarischsten behandelt wurde»,wissen wir beinahe gar nichts Näheres: dagegen beurkunden schon die uns mehr bekann-ten Verhältnisse der unglücklichen Heloten einen wahrhaft empörenden Zustand. Siemußten die Grundstücke bebauen, wobei sie natürlich nicht den ganzen Ertrag derselben ab-zugeben gehalten waren. Sie waren gehalten, eine ausgezeichnete Kleidung zu tragen,damit sie mit den Freien nicht verwechselt würden. Schon ein leichter Verdacht genügte,die Todesstrafe über sie zu verhängen. Nur der Staat konnte ihnen die Freiheitschenken; der einzelne Bürger, dem sie gehörten, durfte dieses nicht und war auch nichtberechtigt, sie in das Ausland zu verkaufen. — Von den Ephoren wurde in Zwischenräu-men ausdrücklich di« Erlaubniß zur Kryptia gegeben, d. i. zu einer Art Treibjagd, inwelcher die ;ungen Spartaner jeneUnglücklichen^unvermuthet überfallen und straflos nie-dermetzeln durften. — Bekannt ist auch, wie die Spartaner in einem Momente der Ge-fahr (während des peloponnesischen Krieges) unter ausdrücklicher Verheißung der Freilas-sung einige Tausende der Kräftigsten dieser beklagenswerthen Menschen vereinigten, umsie treulos und tückisch Meuchelmorden zu lassen. — Au jeder Zeit suchte man im Sklavendas angeborene Gefühl der Menschenwürde zu ersticken. Er selbst sollte sich stets für einniedrigeres Wesen halten als den Freien. Darauf wirkten Erziehung und Behandlung,darauf wirkten alle Einrichtungen hin. Wollte man dem jungen Spartaner Abscheu vordem Trünke einflößen, so ward ein Sklave betrunken gemacht, damit er sich verächtlich undviehisch geberde. Zur Lust der Herren mußte der Helote unsittliche Tänze aufführen undSpottlieder aufseinen eigenen Zustand singen. Freiheits- und Heldenlieder zu singen warihm dagegen verboten, „damit diese nicht durch seinen Mund entweihet würden." Alsdie Thebaner bei ihrem Siegeszuge in den Peloponnes unter Epaminondas die gefangenenHeloten die Oden des Terpander, Alkman oder Spendon singen lassen wollten, erhieltensie zur Antwort: „Dies sind die Lieder unserer Herren; wir wagen es nicht, sie zu singen."
Dies die Grundzüge der spartanischen, zunächst als Lykurgisch zu betrachtenden Ge-setzgebung. Welcher unbefangene, das Wohl der ganzen Menschheit wünschende Be-urtheiler wird und kann sie für zweckmäßig, für naturgemäß halten? Sparta bot stetsdas Bild eines feindlichen Lagers im eigenen Lande dar. Allerdings waren seine Bewoh-kler unter dieser Verfassung tapfer und kühn, körperlich kräftig und gefürchtet im Auslande;auch galt der Staat der Spartaner lange als der erste und mächtigste in Griechenland. Aberdem Zwecke wie der Würde der Menschheit entsprachen diese Einrichtungen wahrlichauch nicht in einer einzigen Hinsicht. Die ganze Freiheit der vollberechtigten Bürger grün-dete sich ausschließlich nur auf die Unterdrückung, die Knechtschaft der großen Menge. Woder Freie am Fr eiesten, da mußte, nach jenen Begriffen, der Sklave amSkla-vischsten und Unglücklichsten sein. So wahr aber auch leider der letzte Theil dieses