Druckschrift 
7 (1847) [Hex - Jus]
Entstehung
Seite
360
Einzelbild herunterladen
 

Parteien schon seil geraumer Zeit zum rechten Symptom gekommen, daß sie einandernicht mehr verstehen wollen!"

Zn seiner spätem trefflichen SchriftDie heilige Allianz und die Völker auf demCongresse von Verona, Stuttgart 1823", sagt Gör res (S. 28 ff.), nachdem er vonder politischen Aufregung der Völker seit der französischen Revolution geredet:Ueber die-sem wogenden Geistermeere steht die Staatskunst, unablässig bemüht, die Zauber-formel aufzusuchen die den starken Sturm beschwören, und das sänftigende Oel zu finden,das den brausenden Wellenschlag ebnen möge. Ihr erster Gedanke war natürlich die'Gewalt, und den losen, vorübergehenden Coaliti onen, die sie zuerst der Gefahrentgegengestellt, hat sie ein haltbareres, dauerhafteres Verhältniß folgen lassen. Da >nehmlich die vereinzelten Rückwirkungen der Völker allmälig zu allgemeinen geworden unddie besonderen Streitfragen, durch alle Völkerscheiden durchschlagend, zu europäischen sichgesteigert, sind auch die Regierungen im Instinkte der Selbsterhaltung näher an einandergetreten und die Fürsten haben einen ewigenBund zu Schutz und Trutz gegen alle re-volutionären Bewegungen abgeschlossen. Dadurch war für sie zunächst eine großeMasse stets disponibler Kraft, mit der Möglichkeit, sie ohne Hinderniß schnell in allenFällen anzuwenden, gewonnen und allerdings ein fester Damm gegen alle jene Bewegun-gen, dieander Oberfläche der Gesellschaft gehen, aufgeworfen. AberderselbeInstinkt, der zu dieser allerdings zeitgemäßen Maßregel gerathen, schien warnend nochfvrtzumahnen, daß damit noch keineswegs Alles gethan sein könne. Alle Gewalt,durchaus körperlicherNatur, reicht auch nur an den äußeren physischen Menschen; jenesFeuer aber, das sie dämmen soll, brennt tief in der inneren geistigen Natur; von Außenzurückgetrieben, frißt es nur um so mehr im Marke ein und zündet dann auf tausend ge-heimen Wegen, durch die sich der Geisterverkehr vermittelt, bei völlig ruhiger Oberflächeselbst, durch jene Dämme fort und erscheint endlich vorbrechend aus dem Verborgenenplötzlich Meister der Gewalt, die es in Fesseln zu halten wähnte. Das dunkle Gefühl, dasdie Unzulänglichkeit selbst der ansehnlichen Macht, über die der Bund verfügte, zu Er- »

reichung des Zwecks, den er sich vorgesetzt, erkannt, trieb daher die Theilnehmenden an !

der Genossenschaft, ihr einen außerordentlichen, seit längerer Zeit aus der Politik verbannten ICharakter mitzutheilen und sie als eine christlichezu bezeichnen. Sie schienen zu ahnen, !daß es der R elig ion allein gegeben sei, einen so ungeheuren, weit umgreifenden, tief ^gewurzelten Zwist zu beschwichtigen, und daß es der Idee allein gelingenkönne, durch Bemeisterung der Gegensätze, in die sich die Zeit verstrickt, die große Be-wegung nicht gewaltsam zu unterdrücken, was schlechterdings unmöglich ist, sondern siezu beherrschen und in die Bahn der Geschichte einzulenken. AberIdeen sind keine lee -ren Worte, noch auch Redesiguren, Tropen, Ellipsen und Metaphern, in ein Narren-seil geflochten, um die Albernen damit zu führen. Es sind nicht schöne Sentenzen, dieman von Zeit zu Zeit wie Roth auflegt, um die natürliche Blässe damit lügenhaft zurLebensfarbe auszuhöhen. Es sind nicht Putzstücke geistlichen oder höfischen Ornats, dieman an Werktagen beschlossen hält, an Feier- und Gallatagen aber zum Prunke anlegt;es ist überhaupt Nichts, was besessen wird und dient, sondern was besitztund herrscht. Es sind höchst wirksame THörigkeiten, die nicht dies oder jenesVermögen, sondernden ga nzen Menschen ungetheilt in Anspruch nehmen; die nicht zudieser Zeit schlafend ruhen, zur andern losgelassen ihr Dasein fühlbar machen, sonderneinmal frei das ganze Leben und all sein Thun erfüllen. Sie wissen heilsamen Dienstzu leisten, lassen aber nie zu eigensüchtigen Zwecken und Interessen sich ungestraft mis-brauchen; am wenigsten mögen sie tyrannischer Gewalt dienstbar sein und treten, dazu ge-drungen, schnell auf die Seite der Unterdrückten über. Und wer sich unter i h r Richtmaßstellt, hat eine schwere Verbindlichkeit nicht blos vor G ott, sondern auch vor den Men-schen sich aufgelegt; er hat den Maßstab neben sich gestellt, mit dem die Meinung derZeitgenossen und die Ge sch ichte in den kommenden Jahrhunderten ohne Fehl seineHandlungsweise messen mag. Denn mit der Anerkenntniß der religiösen Idee, als leiten-den Princips für die Politik, ist die Staatskunst aus dem engen Ca bi n e t, wo mitRecht die Eingeweiheten allein zu Rache sitzen, ins Allgemeine, Menschliche versetzt, wo