Erziehung zur Sprache
2hr freundlicher Brief, für den ich vielmals danke, läßtmich teilnekmen an Ihren Sorgen um das Problem desdeutschen Schulaufsatzes. Sie nennen seine Geschichte eineLeidensgeschichte, sie beklagen die Gleichgültigkeit der Unker-richtsbehörde gegen alle Reformversuche und ihr Scheitern,und Sie möchten, wenn irgend möglich, von mir hören,auf welche Weise denn „guter Stil" wohl mit einiger Aus-sicht auf Erfolg zu lehren sei.
Was ist da zu antworten? Ist überhaupt zu antwortenauf eine Frage, die nur Teilproblem ist einer großen Frag-würdigkeit, — des modernen Erziehungsmassenbetriebes, denman verwirft, ohne sagen zu können, was, wie heule allessteht und liegt, an seine Stelle zu setzen sei? Man müßtewissen, mit wem man eg zu tun hat. Sind Sie Ihren er-zieherischen Neigungen und Überzeugungen nach Aristokratoder, sagen wir, Christ? Will Ihre Liebe die ausgezeichneteBegabung fördern, so rasch und so weit wie möglich för-dern, oder nennen Sie es Ihre Aufgabe, die Schwäche zubetreuen? Hier gibt es kaum eine Aussöhnung. Und weiter:Wer ist begabt? Es gibt wertvolle Einseitigkeiten. Diesprachlich-formale Anlage kann völlig fehlen, während das