Brief an einen Verleger
Die mir freundlichst übersandten Gedichte von Verlainehabe ich gelesen — „Kemmes" sowohl wie die Korrektur-bogen von ..Uorndrss", die noch schlimmer sind. Ichschicke voraus, daß ich die Übersetzung von Kurt Moreckhöchst respektabel sin de. Ich füge hinzu, daß die Unzuchtder Gedichte mich erschüttert hat. Dies nämlich ist dieWirkung, die Unzucht und Wollust, wenn ihre Tiefen sichaustun, auf mich auszuüben pflegen. Die Reaktion desKichernS erscheint mir so blöde und unverständlich wie die dersittlichen Entrüstung. Was eigentlich das Sittliche, was dasMoralische sei — Reinheit und Selbstbewahrung oder Hin-gabe, das heißt Hingabe an die Sünde, an das Schädlicheund Verzehrende, ist ein Problem, das mich früh beschäf-tigte. Große Moralisten waren meistens auch große Sün-der. Von Dosiojewskij sagt man, daß er ein Kinderschän-der gewesen sei. Außerdem war er ein Epileptiker, und manist heute auf dem Punkte, diese mystische Krankheit füreine Form der Unzucht zu erklären. Jedenfalls öffnen inden Werken dieses Religiösen die Schlünde der Wollust sichjeden Augenblick. Sie tun es in manchem großen, erhabenenund unantastbaren Werk, vor dem die Dummheit, selbst wennsie etwas merkte, sich des KichernS oder der Entrüstung nichtunterstehen würde. Wagners „Tristan" ist ein überausunzüchtiges Werk. Nietzsche, im Lcce kowo, gebraucht da-für den Ausdruck „Wollust der Hölle" und fügt hinzu, die