Anwendung einer Mystikerformel sei hier nicht nur erlaubt,sondern geboten. Es ist bemerkenswert, daß gewisse Wen-dungen der Tristan-Dichtung aus einem berüchtigten Buch,aus Schlegels „Lucinde" stammen. Anderes darin stammtaus des Novalis „Hymnen an die Nacht" oder doch ausdiesem Bezirk der Romantik, der ebenfalls, ohne daß derPhilister es „merkte", ein äußerst wollüstiger Bezirk ist.
„Stumpfsinnige, was wähnt ihr rein zu sein? Ich hörte
Daß keine Schuld wie solch ein Sinn entweihe!"
Das ist Graf August von Platen, ein sehr strenger Geist,der jedoch, schon weil er nur junge Männer liebte, sich aufdie Geheimnisse des Fleisches auf mehr als sittliche Weiseverstand. „Abgründe", sagte er,
„Abgründe liegen im Gemükc,
Die tiefer als die Hölle sind."
Das Gebiet des Sittlichen ist weit, es umfaßt auch dasUnsittliche. Große Moralisten, Menschen des weit gespann-ten Erlebnisses, durchmessen es ganz. Verlaine, der dasZarteste empfunden, das Sublimste ausgedrückt hat, gibtin diesen Versen „wüste Bilder und verfluchte Szenen".Das ist seine eigene Kennzeichnung der Gedichte, und siehat einen sehr unheidnisch-moralistischen Akzent. Es wärelächerlich, den unzüchtigen Charakter der Blätter zu leugnen,lächerlich, als kunstliberaler Sachverständiger diesen Charak-ter durch die „anmutige Form" entschuldigen zu wollen.Ich bescheinige Ihnen unumwunden, daß die Gedichte er-schütternd unzüchtig sind. Vielleicht war es nicht dies, wasSie von mir hören wollten, aber ich sage es in einem Sinn,der Ihnen gegen diejenigen, die Sie dieser intimen Publi-kation wegen in Verruf bringen wollen, recht gibt.