— 3»7 —
bei meinem frühen Zusammentreffen mit diesem Prosa-Poeten. Ging denn nicht ein glücklich überraschtes und er-heitertes Aufhorchen oon der Etsch bis an den Belt beidiesem so neuen, so kindlichen und so raffinierten Tonfall,in welchem Anmutig-Einfältiges sich auf so bezauberndeArt mit Pi'onierhaft-Zukünftigsiem verband? „Abgerechnetnämlich, daß ich ein Dekadent bin, bin ich auch dessenGegenteil." Der Satz ist nicht von ihm, aber mit Fughätte er ihn zum Motto seines Lebens und Werkes wählenmögen. Es ist sehr merkwürdig, wie Leben und Schicksalder Zeitherrscher von Schülern und Nachkommen, mit ver-teilten Rollen, auf Grund neuen PersönlichkeitSmaterials,wiedelholt, abgewandelt, erläutert und kritisiert werden.Dehmel, George, mein Bruder, Kerr, Altenberg, ich, wirsind die wahren Kritiker und fragmentarischen DerdeutlicherNietzsches . . .
Diese intellektuelle Lyrik mit der infantilen Interpunktion,wie paßte darauf die einfachste, glücklichste und produktivsteBestimmung des Dichtertums, die je gegeben wurde, GoethesWort: „Lebhaftes Gefühl der Zustände und Fähigkeit, esauszudrücken, das macht den Dichter!" Neid, der zu allerBewunderung und Liebe gehört, mischte sich unruhig inunser Entzücken. Mit dieser seligen Manier schien es mög-lich, das Leben täglich und stündlich, restlos, ohne Verzichtund namentlich mühelos einzufangen und zu bewältigen.Etwas wie Auflehnung regte sich, — denn nicht nur indemer sie übte, schien Altenberg diese seine Manier als diealleinseligmachende statuieren zu wollen: wie mancherGrößere vor ihm war er, mit seiner Theorie vom „Rindim Liebig-Tiegel", geneigt, aus seinem Talent eine Dok-trin zu machen und Zusammendrängung, Abkürzung,
20'