Druckschrift 
Rede und Antwort : gesammelte Abhandlungen und kleine Aufsätze
Entstehung
Seite
287
Einzelbild herunterladen
 

287

ihre Bestimmbarkeit durch Begriffe wie Romantik und Reak-tion oder Neuzeitlichkeit und Fortschritt ist außerordentlichbedingt, es ist ihrer organischen Unschuld damit nicht bei-zukommen. Wir kennen riesenhafte Fälle von Künstlertum,denken Sie an Wagner und Dostojewskij, in denen sichElemente, die wir romantisch und reaktionär zu nennen ge-wohnt sind, (das nationale Element zum Beispiel), höchstorganisch mit solchen verbanden, die wir revolutionär nennen;und wir wissen, daß der Schöpfer desArmen Heinrich"als musikalischer Revolutionär auf den Plan trat, währender als Geist, als Dichter sich in allen feinen Konzeptionenund Trieben als Erzromantiker erwies. Romantik undRevolutionarismuS sind logische Gegensätze, aber sie sindkeine organischen Gegensätze, das Leben kennt sie nicht. DieKunst aber ist Leben, und ob sie der romantischen Sym-pathie mit dem Tode und der Vergangenheit oder derrevolutionären Sympathie mit der Zukunft huldigt, dasist eine Frage der ethischen Stimmung, aber keine Frageder Vitalität, es entscheidet nicht im geringsten über ihreneigenen Gebalt an Leben und Zukunft.

Meine Herren, ich glaube, daß in Deutschlands gegen-wärtiger historischer Situation dem tiefen und echten Roman-tizismus der Kunst, der wir heute huldigen, ihrer träume-rischen Rückwärtsgewandtheit, welche in Wahrheit ein nachinnen, ein in die Tiefe der nationalen Seele Gewandtseinist, daß dieser musikalisch-romantischen Kunst mehr Zu-kunft bildende Kraft und Bedeutung innewohnt, als man-cher scheinbar zeitgerechteren. Verinnerlichung, tiefe Ein-kehr und nationale Selbsterforfchurig ist das, was not tut.Daß Deutschland sich selbst verstehe, um sich selber treubleiben und zwischen Ost und West seinen eigentümlichen