Fräulein Deimne „ihre kurzen Locken schüttelnd" antwortet:„ES fehlt eben an innerer Freiheit." — Nichts kann fon-tanischer sein als diese Art, über Gesetz und Sehnsucht einordinäres Ressentiment sprechen zu lassen, damit auf seineKosten, durch die Lächerlichkeit, die es sich dabei zuzieht, ihrKonflikt an Würde und Lebensmelancholie gewinne.
Es ist dieselbe Distanzierung und Durchheiterung einerfeudalen Wirklichkeit bei Fontane und Keyserling — dermärkischen dort, der baltischen hier. Eine sehr ähnliche gei-stige Stimmung bei beiden, Skepsis und Resignation. Die-selbe Grazie des PlaudernS, diese gehobene Lässigkeit, dieseKunst einer unbeschreiblich wohltuend stilisierten Mund-gcrechtheit der Wechselrede. Und doch sind die Unterschiededer Generationen deutlich. Es fehlt bei Keyserling dieBreite, das Behagen, der lange Atem, die gesunde Furcht-losigkeit vor dem Langweiligen, die der Erzählen,gskunst oon1660 noch eignete. Sein Werk ist schmaler, graziler, später,wählerischer, es hat nervöseren Puls; der Blick auf dasLeben ist kälter geworden, die Ironie geistiger, das Wortpräziser, der Gesamthabitus ungemütlicher, künstlerischer undweitläufiger — man spürt die Europäisiernng der deutschenProsa seit i goo.
Ich finde die Namen Fontanes und Iwan Turgenjewsin jedem Nekrolog; ich vermisse einen dritten, uns näheren,den teuren, traurigen Namen Herman Bangs. Es istsicher, daß sie sich einander sehr nahe gefühlt haben, derdänische Patrizier und der ostpreußische Junker. Ein kleinerArtikel oder Brief zum Lobe Keyserlings, geschrieben füreine deutsche Zeitschrift, die „Neue Rundschau", war bei-nahe die letzte literarische Äußerung Bangs vor seinemschrecklichen Mrtuosen-Ende. Und Keyserling, — man fühlt