262
wohl, wenn man bei ihm ist, daß er das schmerzliche Werkdes Dänen gut gekannt, daß er es geliebt und daran ge-lernt hat, wie vielleicht nur ein Deutscher zu lieben und zulernen versteht. „Wellen", das ist ein Turgenjew-Titel;aber „Abendliche Häuser", sv hätte auch Bang eines seinerBücher nennen können; und es gibt einen Tonfall, der ihneninnig gemeinsam ist, einförmig wie Tropfenfall in einerHöhle, kurze Dialogworte, nichtssagend, aber gesättigt mitStimmung. Frauen warten bei beiden, worauf? „Wennman nur wüßte, worauf man wartet," — bei welchemvon beiden steht das? Ich weiß es im Augenblick selbstnicht mehr. — Freilich ist Keyserling, obgleich äußerst künst-lerisch, weniger Artist und Exzentrik, weniger pariserisch-virtuos als Bang, er hat nicht dessen flimmernden Im-pressionismus, und wie ihn, geistig, eine gewisse Bonhomienäher zu Fontane stellt, so teilt er mit Turgenjew undüberhaupt mit der Erzählung der bürgerlichen Epoche nochdie Humanität der epischen Linie, die der geguältere undextremere Bang nicht mehr kennt. Was sie zu Brüdernmacht, ist die tiefe Sympathie mit dem Leide, init demwas hoffnungslos vornehm, dem Glücke fremd, dem Todeverpflichtet ist. Sie haben dieser Sympathie und Ver-bundenheit die Treue gewahrt, niemals das Kreuz verraten,niemals die Farbe des Lebens auf ihre Wangen geschminkt.So war es anständig. Daß ihnen, obgleich sie sozusagenGesellschastsschilderer waren, völlig die soziale Attitüde fehlt,daß sie durchaus auf das Menschliche und Poetische ge-richtet sind, ihre Kritik dem Leben, nie der Gesellschaft gilt,hängt damit zusammen.
Ich möchte noch anmerken, daß Keyserling niemals imengeren Sinne des Wortes „geschriftstellerk" hat. Ich wüßte