Druckschrift 
Rede und Antwort : gesammelte Abhandlungen und kleine Aufsätze
Entstehung
Seite
43
Einzelbild herunterladen
 

4z

ein reproduktives Instrument zu betrachten und zu behan-deln. Das mußte sich rächen. Das Theater ist zu stark,zu eigenwillig, um nur die Magd einer Dichtung zu sein,die sich will und ihren Ruhm, nicht den des Theaters. EineJnteressenspaltung zwischen Dichtertum und Bühne vollzogsich, jeneTrennung zwischen Drama und Theater", welcheHebbel als unnatürlich beklagte, aber deren Bestehen er an-erkannte (er schrieb sie bereits von der Auslösung der grie-chischen Tragödie her). Das Schauspiel ward Literatur-gattung, dasBuchdrama" entstand. Aber sehr folge-richtigerweise emanzipierte sich auch der Schauspieler, dereinzelne, enorm befähigte, vom theatralischen Bunde, undwie um der Welt die Unabhängigkeit des Theaters vomDichtertum handgreiflich zu machen, wurde er selbständig,Egoist, Virtuos . . . Ich denke an den wildesten und gran-diosesten Fall von Virtuosentum, den ich erlebt habe, anErmete Novelli. O, er spielt Shakespeare. DerKauf-mann von Venedig" heißt bei ihmShylock", er hießenoch besserNovelli". Alle Stücke, in denen er spielt,heißen Novelli, sind von Novelli, handeln von Novelli. Ichhabe ihn in italienischen und französischen Schreckengdramengesehen, deren Titel ich den dritten Tag vergessen und nachderen Verfassern ich mich überhaupt nicht erkundigt hatte.Geht man zu Novelli eines Stückes wegen? Braucht dieserMann überhaupt Stücke? Sollte er nicht imstande sein,auch ohne eine fixierte dichterische Unterlage uns einen Abendlang mit seinen Schlagflüssen, Konvulsionen und Toten-schluchzern die Haare zu Berge stehen zu machen? Hier istdas Schauspiel, das auf sich selber steht, von sich selberlebt; hier ist Theater aus erster Hand, Theater an sich, hierist der Schauspieler, welcher den Dichter nicht nötig hat . . .