innersten Instinkte geht. Sind Dostojewskis „Dämonen"direkt? Ist Meyers „Heiliger" direkt? Das mögen aus-gesuchte Beispiele sein. Aber der bescheidenste Geschichten-erzähler wird heute nicht mehr seine Heldin dem Publikumals „liebenswürdiges Frauenzimmer" präsentieren, so wenigwie, ohne romantischen Spaß, der Dramatiker eine Figurmit den Worten einführen wird: „Ich bin der wackereBouifacius". Der epische Dortrag ist kein Gerede, sondernein Darstellungsmittel, und wer erfahren hat, welcher iro-nischen Unverbindlichkeit, welcher feinsten Jndirektheit erfähig ist, der weiß, daß der Roman an Raffinement derTechnik dem Drama zum mindesten nicht nachsteht; daß dieKunst sich nicht unbedingt im Dialog zu offenbaren braucht;und daß der Satz von Rofalie und ihrem „Adieu" der kecksteUnsinn ist, der je schwarz auf weiß gefetzt wurde.
Nein, nein, das alles ist das Begriffsgerät einer Ästhetik,die sich heute noch sperrt, dem Roman überhaupt das Hei-matrecht im poetischen Reiche zuzuerkennen. Das ist einwenig streng. Werther und die Wahlverwandtschaften sindalso nicht geradezu Poesie. Niels Lyue, Madame Bovary,Väter und Söhne haben mit Dichtkunst nicht allzu viel zuschaffen. In der Tat, wenn man, wie ich, von der Lektüregewisser Briefe kommt, so neigt mau in diesen Dingen zurUngeduld. Ich hätte mögen den Vater Flaubert mit diesenGrenzwächtern sich auSeinandersetzen hören. „Ich habe",schreibt er, „gestern sechzehn Stunden gearbeitet, heute denganzen Tag, und heute Abend habe ich endlich die ersteSeite beendet." Sonderbarer Schwärmer! Nur das Dramalväre deiner Qualen würdig gewesen!
Denn es ist, sagte der Oberlehrer, die späteste Offen-barung der Poesie, es tritt erst auf, wenn Epos und Lyrik