Druckschrift 
Rede und Antwort : gesammelte Abhandlungen und kleine Aufsätze
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

Flut zu de» Füßen der Ereignisse dahinwälzt, trachtetes wirklich nach Gegenwart? Aber was frage ich! Schillerhat geantwortet, als er erklärte, daßdie Tragödie in ihremhöchsten Begriffe immer zu dem epischen Charakter hinaus,das epische Gedicht ebenso zu dem Drama herunterstrebe".Hinauf, sagt er, und: herunter. Was bedeutet das? Dasbedeutet, daß der mächtigste deutsche Theatraliker bis Wag-ner den epischen Knnftgeift als den höchsten empfunden hak.Und nun gehe man mir mit dem alten Bischer und feinerPoesie der Poesie"!

Sind es also technische Vornehmheiten, höhere Ver-pflichtungen der Komposition, welche das Drama auSzeich-nen? Aber jene zweckvolle Auswahl und Sonderung, jeneStraffheit, Konzentration und ideelle Gedrängtheit, die dosDrama verlangt, man findet sie im hohen Roman sowohlwie in der Novelle wieder.Keine Details außerhalb desGegenstandes," gebot Flaubert,die gerade Linie." Wennman mir aber einwendet, der Roman besitze die Möglich-keit, sich selbst zu interpretiere», und hierin beruhe seineUnterlegenheit als Form, so antworte ich, daß das Dramadiese Möglichkeit ebensowohl besitzt wie der Roman undnaiver- oder ironischerweise sehr oft davon Gebrauch ge-macht hat; daß aber beide desto weniger davon Gebrauchmachen werden, je weiter sie in der technisch-formalen Ent-wicklung vorgeschritten sind. Es ist die berühintein-direkte Charakteristik", die hier in Rede steht und von derman nicht gar zu viel Aufhebens machen sollte. Jndirekt-heit ist, sollte ich denken, Bedingung und Merkmal allergestaltenden Kunst, und es ist die psychologische Be-schränktheit jeder bindend direkten Beurteilung und Kenn-zeichnung seiner Geschöpfe, die dem Künstler wider die