Druckschrift 
Rede und Antwort : gesammelte Abhandlungen und kleine Aufsätze
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen
 

ein junger, in der Provinz lebender Arzt..." Ich hörenicht viel Bedauern, im Gegenteil: eine Art von Stolz ausdiesen Worten heraus, und mir fällt dabei ein Gesprächüber Bücherkitel ein, das ich eines Tages mit einem jungendeutschen Schriftsteller führte, und das dieser Schrift-steller mit der Bemerkung schloß:Wissen Sie eigentlichsind doch alle Titel, außer den Eigennamen, kolportagehast."Sehr gut. Und es ist diese Geschmacksrichtung, dieeigent-lich" und am liebsten auch alleErfindung" für kolpor-tagehast erklären möchte.

Schließlich, ob nun die Geschichte, die Sage, die alteNovellistik, ob die lebendige Wirklichkeit selbst dagGe-gebene" ist, worauf ein Dichter sich stützt, gilt das nicht,im Wesen, gleichviel? Was hat also Schiller, was Wag-ner in diesem Sinne erfunden? Kaum eine Gestalt, kaumeinen Vorgang. Und um den ungeheuersten Fall vonDichtertum zu nennen, den die Erde sah: Shakespeare . . .so besaß er ohne Zweifel, wie er alles besaß, auch Erfin-dung; aber noch sicherer ist, daß er nicht viel Gewichtdarauf legte und nicht viel Gebrauch davon machte. Hater je eine Fabel erfunden? Auch die krausen Intrigenseiner Lustspiele sind nicht von ihm erdacht. Er arbeitetenach alten Theaterstücken, nach italienischen Novellenund übrigens, erzürnter Leser, porträtierte er Zeitgenossen,wenn auch auf leidlich andere Art als der Kollege vonForbach. Er porträtierte zum Beispiel einen dicken Mannseiner Bekanntschaft, der, wie ich höre, Herr Chettle hieß,und es wurde John Falstaff daraus. Er fand viel lieber,als daß ec erfand. Er trieb irgendeine naive Geschichteauf, die tauglich schien, ihm als Gleichnis und buntes Kleid,als sinnliches Mittel zur Darstellung eines Erlebnisses, einer