der Begriff der Wahrheit fast in dem der psychologi-schen Wahrnehmung und Erkenntnis aufgeht; undzweitens der Sinn für die Krankheit, eine gewissedurch Gesundheit ausgewogene Affinität zu ihr unddas Erlebnis ihrer produktiven Bedeutung.
Was die Wahrheitsliebe betrifft, die leidend-mora-listisch gestimmte Liebe zur Wahrheit als Psycho-logie, so stammt sie aus der hohen Schule Nietzsches,bei dem in der Tat das Zusammenfallen von Wahrheitund psychologischer Wahrheit, des Erkennendenmit dem Psychologen in die Augen springt: sein Wahr-heitsstolz, sein Begriff selbst von Ehrlichkeit und intel-lektueller Reinlichkeit, sein Wissensmut und seineWissensmelancholie, sein Selbstkennertum, Selbsthen-kertum — all dies ist psychologisch gemeint, hat psycho-logischen Charakter, und ich vergesse nie die erzie-herische Bekräftigung und Vertiefung, die eigeneAnlagen durch das Erlebnis von Nietzsches psychologi-scher Passion erfuhren. DasW ort „Erkenntnisekel“stehtim „Tonio Kröger“. Es hat gut nietzschisches Gepräge,und seine Jünglingsschwermut deutet auf das Hamlet-hafte in Nietzsches Natur, in der die eigene sich spie-gelte, - einer Natur, zum Wissen berufen, ohne eigent-lich dazu geboren zu sein. — Es sind jugendlicheSchmerzen und Traurigkeiten, von denen ich daspreche, und die von den reifenden Jahren ins Hei-terere, Ruhigere überführt worden sind. Aber die Nei-gung, Wahrheit und Wissen psychologisch zu verste-