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Goethe und Tolstoi : [Vortrag, zum erstenmal gehalten September 1921 anläßlich der Nordischen Woche zu Lübeck]
Entstehung
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diesen Veränderungen erwachsenden geistigen und ersteste-rischen Konsequenzen vorweggenommen ist.

immerhin, und wie es nun mit der säkularen Zu-gestörigkeit der beiden großen Männer steste — man kannsie nicht Zeitgenossen nennen. Nur vier Zahre laug habensie die Zeitlichkeit geteilt: von 1828, dem Geburtsjahr desRussen, bis 1852, da Goethe starb. Und doch hindert diesnicht, daß mindestens ein Bildungsfaktor — und zwar einmoderner, aktueller (von den uralt-allmenschlichen, von Homerund der Bibel hier ganz zu schweigen) — daß also wenig-stens ein Element ihres seelisch-geistigen Aufbaues ihnenbeiden gemeinsam ist. Ls ist das Element Rousseau.

„Zch habe den ganzen Rousseau gelesen, die ganzen 20Bände, das Lexikon der Musik inbegriffen. Zch empfandfür ihn mehr als Enthusiasmus, ich betete ihn an. Mit15 Zähren trug ich an Stelle des gewohnten Kreuzes einMedaillon mit seinem Bilde um den Hals. 2ch bin miteinigen seiner Stellen so vertraut, daß es mir ist, als hätteich sie selbst geschrieben". Das sind die Worte Tolstois ausseinen „Bekenntnissen." Und sicher, er war Rousseauist aufeine intimere, persönlichere und bedenklichere Weise, alsGoethe, der als Mensch mit der nicht immer gewinnendenProblematik des armen Zean Zaques so gar nichts zuschaffen hatte. Wenn aber Goethe, um irgend ein Beispielanzuführen, in einer frühen Rezension sich äußert: „DieVerhältnisse der Religion, die mit ihnen auf das engste ver-bundenen bürgerlichen Beziehungen, der Druck der Gesetze,der noch größere Druck gesellschaftlicher Verbindungen undtausend andere Dinge lasten den polierten Menschen und diepolierte Nation nie ein eigenes Geschöpf sein, betäuben denWink der Natur und verwischen jeden Zug, aus dem eincharakteristisches Bild gemacht werden könnte" — so ist das,literarisch gesprochen, „Sturm und Drang", allgemein geistes-geschichtlich gesprochen aber ist es Rousteauismus, mit seinem

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