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GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
Auseinandersetzung zwischen den revolutionären Prin-zipien der Gleichheit und der Freiheit zu führen droht?
Tatsache ist, daß die Große Revolution als Welt-ereignis Goethe gequält hat wie nichts anderes in seinemLeben und ihn beinahe um sein Talent gebracht hätte, —obgleich er doch durch sein sensationelles Jugendwerk,dem an den Grundfesten der alten Gesellschaft wild-empfindsam rüttelnden Werther , mit dem Kommendenin prophetischer Fühlung gestanden, ja geholfen hatte, esvorzubereiten. Daß man als Wirklichkeit nicht will, wasman im Gefühle gewollt, ist ein immer wiederkehrendesVorkommnis, und Goethes Stellung zur Revolutionwiederholt genau die des Erasmus zur Reformation, dieanzubahnen dieser so viel getan, und die er dann mithumanistischem Degoüt ablehnte. Goethe selbst, bei allerpersönlichen und selbst religiösen Hingezogenheit zuLuther, hat die beiden großen ‘Störungen’ mißbilligendzusammen genannt in dem berühmten Distichon:
Franztum drängt in diesen verworrenen Tagen, wie einstmalsLuthertum es getan, ruhige Bildung zurück.
Ruhige Bildung — nicht darum zuerst war es den Pa-trioten zu tun, die Deutschland zur politischen Freiheit zuerziehen wünschten, und wie er litt, so ist an ihm gelittenworden, gelitten mit Erbitterung von höchst ehrenwertenZeitgenossen: nämlich an seiner ‘ungeheuer hinderndenKraft’, wie Börne es ausdrückte, an seinem Quietismusund Apolitismus, der Wucht, mit der seine Natur demEnthusiasmus der Zeit, der national-demokratischen Idee,entgegenstand. Er war gegen Pressefreiheit, gegen dasMitreden der Masse, gegen Konstitution und Majori-tätsherrschaft, war überzeugt, daß ‘alles Gescheite in derMinorität’ sei.
Oft scheint es, als ob er von humanitärem Glauben an