GOETHE UND DIE DEMOKRATIE
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der als 78-jähriger zu Eckermann sagte: ‘Wenn wirDeutschen nicht aus dem engen Kreise unserer eigenenUmgebung hinausblicken, so verfallen wir leicht pedan-tischem Dünkel. Ich sehe mich daher gern bei fremdenNationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun.Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epocheder Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazuwirken, diese Epoche zu beschleunigen.’
Die Nachfolge Goethes, das Bekenntnis zu ihm, be-deutet also denn doch wohl nicht deutsches Provinzlertum.Was wir in ihm finden, ist das Europäische auf deutsch,ein europäisches Deutschland, welches immer das Zielmeiner Wünsche und Bedürfnisse bildete, — sehr imGegensatz zu dem ‘deutschen Europa’, dieser Schreckens-aspiration des deutschen Nationalismus, die mir von jeein Grauen war, und die mich aus Deutschland vertrieb.Es muß ja kaum gesagt werden, daß in diesen beiden Kon-zeptionen die Unterscheidung begründet liegt, die dieWelt zwischen einem ‘guten’ und einem ‘bösen’ Deutsch-land macht: das europäische Deutschland, das ist zugleichdas im weitesten Sinn des Wortes ‘demokratische’Deutschland, dasjenige, mit dem sich leben läßt, weil esteil hat an der demokratischen Menschheitsreligion, vonder das moralische Leben des Abendlandes letztlich be-stimmt ist, und die gemeint ist, wenn wir das Wort‘Civilisation’ sprechen.
Das Unglück wollte, daß dieser europäische Demo-kratismus es in Deutschland nie zu viel politischer Machtbrachte, daß Macht sich niemals mit ihm verbindenwollte, sondern, anders als bei anderen Völkern, dieseIdee historisch fast gleichbedeutend mit deutscher Ohn-macht wurde. Es ist an der deutschen Diskrepanzzwischen Geist und Macht, Gedanke und Tat, dem