Druckschrift 
Ansprache im Schillerjahr 1955
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

Für den Überlebenden verklärt das Verhältnis, einst dieQuelle mancher Ungeduld, sich mehr und mehr zu vollkom-mener Pietät, zu jenem0 weh, errege nicht mein Sehnen,und einemIch kaim, ich kann den Menschen nicht verges-sen! Und aus seinen letzten Lebensjahren stammt die Ant-wort, die er der Schwiegertochter Ottilie erteilte auf ihre Aus-sage, Schiller langweile sie oft. Da wandte er sein Gesichthinweg und erwiderte:Ihr seid alle viel zu armselig undirdisch für ihn.

Wir sollten uns alle fürchten vor dieser Gebärde, diesem stra-fenden Wort des alten Goethe und Zusehen, daß wir uns nichtals allzu irdisch-armselig erweisen vor ihm, nach dessen Da-sein an seiner Seite sich jener bis an sein Grab zurücksehnte.

Wie stark, bei neu durcharbeitender Beschäftigung mitseinem Werk, habe ich es empfmiden, daß er, der Herr seinerKrankheit, unserer kranken Zeit zum Seelenarzt werdenkönnte, wenn sie sich recht auf ihn besänne!

Wie wohl ein Organismus kränkeln, ja siechen mag, weilcs seiner Chemie an einem bestimmten Element, einem Le-bensstoff, einem Vitamin mangelt, so ist es vielleicht genaudies unentbehrliche Etwas, das ElementSchiller, an dem esunserer Lebensökonomie, dem Organismus unserer Gesell-schaft kümmerlich gebricht. So wollte es mir scheinen, als ichseineÖffentliche Ankündigung der Horen wieder las, die-ses herrliche Stück Prosa, worin er das auch seiner Zeit schonungemäß Dünkende zum Dringlichst-Zeitgemäßen erhebt, eszum Labsal macht jedem Leidenden. Je mehr, sagt er, das be-schränkte Interesse der Gegenwart die Gemüter in Spannungsetze, einenge und unterjoche, desto dringender werde dasBedürfnis, durch ein allgemeines und höheres Interesse andem, was rein menschlich und über allen Einfluß der Zeiten

3 °