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Ansprache im Schillerjahr 1955
Entstehung
Seite
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Autor die anstößigsten Auswüchse seines bemerkenswertenProduktes zu glätten bereit sei, so wolle er die Aufführungwagen.

Schiller hat nie dergleichen erwartet. Sein Herz schlägthoch. Eine der bedeutendsten Bühnen Deutschlands erbietetsich bedingungsweise zur Verkörperung seiner heißen Träumeund Visionen! Er setzt sich hin, das Buch fürs Theater zu be-arbeiten. Das Opfer ist bitter, die Arbeit mühsam, und derjunge Mann hat schließlich noch anderes zu tun: Im Lazaretthaust eine Ruhr-Epidemie. Aber er tut, was er kann, tut es, soschnell er kann, und wird fertig, glaubt fertig zu sein, um zuerfahren, daß seine Plage nur der Anfang war eines Prozesses,von dem er keine Vorstellung gehabt. Die Excellenz in Mann-heim ist von den gemachten Zugeständnissen keineswegs be-friedigt. Es müssen mehr gemacht werden und immer mehr.Und da der Dichter ja selbst beteuert hat, daß er auf demTheater keine Stimme prätendiere, so ist Herr von Dalbergso frei, schließlich selbst an der Vorlage noch nach Gutdünkenzu ändern, zu entkräften und herabzusetzen. Dann endlichkann man zur Aufführung schreiten. Und was geschieht? Beider Premiere, der Schiller, ohne Urlaub, heimlich beiwohnt,gleicht das überfüllte Theater (denn über das Stück hat sichso manches herumgesprochen) vor Begeisterung einem Toll-hause. Rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie,fremde Menschen fallen einander schluchzend in die Arme,Frauen wanken halb ohnmächtig zur Tür so geht es zu imSaalj das heißt: es zeigt sich, daß allem, was mit dem Stückgeschehen, ein tief inneresUnd doch,Nur zu,Macht,was ihr wollt entgegengestanden hat. Es ist beraubt, zehnmalabgeschwächt, kastriert, verschandelt, in eine fremde histo-rische Epoche zurückversetzt, denaturiert, aber es gibt das Bei-

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