wenigstens der eigenen Meinung nach, spät erst gelernt hat.Zur Zeit der „Räuber“ versichert er, „auf dem Theater keineStimme zu prätendieren“, und will diesen Geniewurf theatra-lischen Urtemperaments auch kein Drama, sondern einen„dramatischen Roman“ genannt wissen. „Don Carlos“ heißt„ein dramatisches Gedicht“, und mit aller Entschiedenheithielt sein Autor das Stück für ein Buch- und Lesedrama, dasauf der Bühne nie recht heimisch werden könne, schon wegenseiner Länge nicht. Aber Langwierigkeit und Langweiligkeitbleiben zweierlei, und das deutsche Theater scheint dies Lese-drama, das gar so gute Rollen und einen so wunderbar tra-genden Vers hat, nicht missen zu wollen und zu können — auchdie Jungfrau von Orleans übrigens nicht, von der Herzog CarlAugust nach der Lektüre meinte, spielen könne man das Dingdoch kaum, — worin Schiller ihm zustimmte: Nein, für dieBühne sei allerdings die Jungfrau wohl nichts. Sie wurde einerseiner größten Theatersiege, und die Leipziger Aufführung,der der Zweiundvierzigjährige beiwohnte, war wohl der äußereHöhepunkt seines Lebens.
Wie er da durch die Huldigungen der Menge geht vor demTheater in Leipzig, mag er gedenken, wie es doch jedesmalwieder dasselbe ist, wie unfehlbar die Hingerissenheit, die allsein Tun erregt, wie geheimnisvoll wirksam in ihm das dra-matische Organ, das eher ihn besitzt, als daß er es besäße. Ermag ans Früheste zurückdenken, an die „Räuber“ und wie esdamit ging. Ein Neunzehnjähriger greift er es an, ein befuch-telter, zusammengestauchter, militärisch tyrannisierter, nachFreiheit und kühner Menschlichkeit dürstender Zögling fürst-lichen Erzieherdünkels, in dessen persönlicher Not und Em-pörung wie in einer Sammellinse alles zusammenbrennt, wasdas Säkulum, was eine falsche Gesellschaft an Empörendem