Druckschrift 
Ansprache im Schillerjahr 1955
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

tasieentziindlichkeit für dienamenlose Größe des Kronen-diebstahls, für die Annalen menschlicher Verirrungen undseltener Verderbnisse des Charakters, denPitaval, die Ge-schichte merkwürdiger Verschwörungen und Rebellionen,Jesuiten-Intrigen, Inquisition, Bastille und Opfer des Glücks-spiels ... Es ist da ein phantastischer Hang zum Planen großerGeschäfte, ein beständiges Anregen weitgespannter Unter-nehmungen, ein Wälzen spekulativer Ideen. Ja, ganz zuletzt,kann man das großartig Kindliche nicht auch wiederfinden inder jahrelangen Selbstkasteiung des mächtigen Künstlersdurch philosophische Spekulation, dies Sich-vergraben inästhetische Metaphysik und Kritik um der Freiheit willen,das heißt, weil er den dunklen, aus dem Unterbewußten wir-kenden Impuls der Kunst als etwas inhuman Zwanghaftesempfand und nicht mehr dem Schöpferischen sich hingebenwollte, bevor er das Instinktive zum klar bewußten Vernunft-gesetz erhoben?Es ist betrübend, sagte Goethe, noch nach-träglich bekümmert,wenn man sieht, wie ein so außerordent-lich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisenherumquälte, die ihm nichts helfen konnten. Ihm war dieseKasteiung eine etwas leidige, wenn auch ergreifende Kinds-köpfigkeit, deren schöpferische Grundgewalt freilich dieMühsal der Spekulation triumphal überlebte und sich, durchsie hindurchgegangen, auf einer höheren Stufe der Produk-tion in geadelter Einfalt wiederfinden sollte. Denn die fünfder Theorie und Kritik geopferten Jahre haben ihm wohl zu-nächst die Hervorbringung erschwert, ihn heikler, wähle-rischer, strenger gegen sich selbst gemacht, aber seine mäch-tige Begabung, weit entfernt, sie zu lähmen, gegen ihre erstenstürmischen Manifestationen, sogar noch gegen denCarlos,gereinigt, veredelt und gehoben und ihr, statt hingerissenen

9