- Ah, gut. Es kommt mir in den Sinn, weil Kretzschmai?
- das war mein Lehrer, ein Organist, ein Fugenmensch, müssenSie wissen - ein eigentümlich leidenschaftliches Verhältniszu dem Stück, ein wahres faible dafür hatte. Nebenbei konn-te er auch darüber lachen, aber das wollte nichts gegen sei-ne Bewunderung sagen, die vielleicht nur dem Beispielhaftender Sache galt. Silencium.
Die Nadel griff an. Bullinger senkte den schweren Deckeldarüber. Durch das Schallgitter strömte ein stolzer Mezzo-sopran, der sich um gute Aussprache nicht viel kümmerte:
Man verstand das "Mon coeur s’ouvre ä ta voix" und dann kaumnoch etwas, aber der Gesang, leider von einem etwas winseln-den Orchester begleitet, war wundervoll in seiner Wärme,Zärtlichkeit, dunklen Glückesklage, wie die Melodie, die jain beiden, gleichgebauten Strophen der Arie erst in der Mittezu ihrem vollen Schönheitsgange ansetzt und ihn betörendvollendet, besonders das zweite Mal, wo die Geige, nun dochganz klangvoll, die üppige Gesangslinie genussreich mitziehtund ihre Schlussfigur in wehmütig zartem Nachspiel repetiert.
Man war ergriffen. Eine Dame tupfte sich mit dem gestick-ten Ausgeh-Tüchlein ein Auge. - Blödsinnig schön! sagteBullinger, einer unter Ästheten seit Längerem beliebten undstehenden Redensart sich bedienend, die das schwärmerischeUrteil "schön” derb-kennerhaft ernüchterte. Man konnte wohlsagen, dass sie hier ganz exakt und nach dem Wortsinn amPlatze war, und das mochte es sein, was Adrian erheiterte,
- Nun als! rief er lachend. - Sie verstehen nun, dass
ein ernster Mann imstande ist, die Nummer anzubeten. Geisti-ge Schönheit ist das zwar nicht, sondern exemplarisch sinn-liche. Aber vor dem Sinnlichen soll man sich am Ende wederfürchten noch schämen.
- Vielleicht doch, liess Dr. Kranich, - der Direktor desMünz-Kabinets, sich vernehmen. Er sprach, wie immer, ausser-
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