Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
584
Einzelbild herunterladen
 

den Ritus übte, es für die Stunden der Arbeit anzulegen:während der ganzen Ausführung der "Apokalypse"' trug er, wieich weiss, das Juwel an der Linken.

Bedachte er wohl, dass der Ring das Symbol der Bindung,der Ressel, ja der Hörigkeit ist? Offenbar machte er sichkeine Gedanken darüber, sondern sah in dem kostbaren Gliedeiner imsichtbaren Kette, das er zum Komponieren an den Fin-ger steckte, nichts weite?, als die Verbindung seiner Einsam-keit mit der Welt - die ihm gesichtslos, persönlich kaumumschrieben war, und naoh deren individuellen Zügen er sichanscheinend viel weniger fragte, als ich es tat» Gab es,fragte ich mich, etwas in dem Äusseren der Frau, woraus dasGrundprinzip ihrer Beziehung zu Adrian, die Unsichtbarkeit,das Meiden, die Nie-Begegnung sich erklärte? Sie konntehässlich, lahm, verwachsen, entstellt von einem Hautleidensein. Ich nehme es nicht an, sondern glaube vielmehr, dass,wenn es einen Schaden gab, er im Seelischen lag und zum Ver-ständnis für jede Art Schonungsbedürftigkeit disponierte.

Auch versuchte ihr Partner ja niemals, an jenem Gesetz zurütteln, sondern fügte sich stillschweigend darein, dass demVerhältnis stricktes Verharren im rein Geistigen beschiedensein sollte.

Ich brauche ungern diese banale Wendung: "im rein Gei-stigen" . Sie hat etwas Farbloses und Unkräftiges, das schlechtzu einer gewissen praktischen Rüstigkeit passt, die dieserfernen, verhüllten Ergebenheit und Fürsorge eigen war. Einesehr ernstliche musikalische und allgemein europäische Bil-dung dort drüben, verlieh! dem Briefwechsel, wie er zur Zeitder Vorbereitung auf das apokalyptische Werk und während sei-ner Niederschrift gepflogen wurde, ein durchaus sachlichesRückgrat. Zu dem textlichen Aufbau des Werkes wusste manmeinen Freund mit Anregungen, schwer zugänglichem Materialzu versehen, - wie sich denn nachträglich erwies, dass jene

584