Sie war eine knochige Jüdin vom ungefähren Alter derNackedey, mit schwer zu bändigendem Wollhaar und Augen, inderen Bräune uralte Trauer geschrieben stand darob, dassdie Tochter Zion geschleift und ihr Volk wie eine verloreneHerde war. Eine rüstige Geschäftsfrau auf derbem Gebiet(denn eine Wurstdarmfabrik hat entschieden etwas Derbes),hatte sie doch die elegische Gewohnheit, beim Sprechen allihre Sätze mit "Ach!" anzufangen, "Ach, ja",'Ach, nein",
"Ach, glauben Sie mir", "Ach, wie denn wohl nicht", "Ach,ich will morgen nach Nürnberg fahren", sagte sie mit tiefer,wüstenrauher und klagender Stimme, und sogar, wenn man siefragte: "Wie geht es Ihnen?", so antwortete sie: "Ach, immerrecht gut," Ganz anders jedoch, wenn sie schrieb, - was sieausserordentlich gern tat. Denn nicht nur war Kunigunde, wiefast alle Juden, sehr musikalisch, sondern sie unterhielt auch,sogar ohne weitreichende Lektüre, ein viel reineres und sorg-licheres Verhältnis zur deutschen Sprache als der nationaleDurchschnitt, ja selbst als die meisten Gelehrten, und hattedie Bekanntschaft mit Adrian, die sie auf eigene Hand stets"Freundschaft" nannte (war es denn übrigens nicht auf dieDauer wirklich dergleichen?) , mit einem ausgezeichnetenBriefe angebahnt, einem langen, wohlgesetzten, inhaltlichnicht eben erstaunlichen, aber stilistisch nach den bestenMustern eines älteren, humanistischen Deutschland geformtenErgebenheitsschreiben, das der Empfänger mit einer gewissenÜberraschung gelesen, und das man seiner literarischen Würdewegen unmöglich mit Stillschweigen übergehen konnte. So aberauch in der Folge schrieb sie ihm, ganz unbeschadet ihrerzahlreichen persönlichen Besuche, öfters nach Pfeiffering:ausführlich, nicht sehr gegenständlich, der Sache nach nichtweiter aufregend, aber sprachlich gewissenhaft, sauber undlesbar - übrigens nicht handschriftlich, sondern auf ihrerGeschäftsmaschine, mit kaufmännischen Und-Zeichen, - eine
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