XXX
Die ersten glühenden August-Tage 1914 fanden mich, über-füllte Züge wechselnd, in wimmelnden Bahnhofshallen wartend,deren Perrons mit Reihen liegen gebliebener Baggage bedecktwaren, auf überstürzter Reise von Preising nach dem thürin-gischen Naumburg, wo ich als Vice-Wachtmeister der Reservemich sogleich mit meinem Regiment zu vereinigen hatte.
Der Krieg war ausgebrochen. Das Verhängnis, das so langeüber Europa gebrütet hatte, war los und raste, verkleidetals diszipliniertes "Klappen" alles Vorgesehenen und Einge-übten, durch unsere Städte, tobte als Schrecken, Emporgeris-sensein, Pathos der Not, Schicksalsergriffenheit, Kraftgefühlund Opferbereitschaft in den Köpfen und Herzen der Menschen.
Es mag wohl sein, ich glaube es gern, dass anderwärts, infeindlichen und sogar in verbündeten ländern, dieser Kurz-schluss des Schicksals viel mehr als Katastrophe und "grandmalheur" empfunden wurde, wie wir es im Felde so oft aus demMunde französischer Frauen hörten, die freilich den Kriegim Lande, in ihren Stuben und Küchen hatten: "Ah, monsieur,la guerre, quel grand malheur!" In unserem Deutschland, dasist gar nicht zu leugnen, wirkte er ganz vorwiegend als Er-hebung, historisches Hochgefühl, Aufbruchsfreude, Abwerfendes Alltags, Befreiung aus einer Welt-Stagnation, mit der esso nicht weiter hatte gehen können, als Zukunftsbegeisterung,Appell an Pflicht und Mannheit, kurz als heroische Festivität.Meine Freisinger Primaner hatten rote Köpfe und strahlendeAugen von alldem. Jugendliche Einsatz- und Abenteuerlustvereinigte sich da humoristisch mit den Vorteilen eines raschlossprechenden Not-Abiturs. Sie stürmten die Werbe-Bureaus,ufld ich war froh, nicht den Ofenhocker vor ihnen spielen zumüssen.
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