Appell für das andere Geschlecht zuschreiben, - während ichdoch fühlte, dass Ines, bei aller verschlossenen Strengeihrer Magdschaft, eines solchen Appells im Grunde bedurfte.Hinzu kam der Gegensatz zwischen den philosophischen Gesinnun-gen, der theoretischen Lebensstimmung der beiden, - der dia-metral und geradezu exemplarisch zu nennen war. Es war, aufdie kürzeste Formel gebracht, der Gegensatz zwischen Ästhetikund Moral, der ja zu einem guten Teil die kulturelle Dialek-tik jener Epoche beherrschte und sich in diesen beiden jungenLeuten gewissermassen personifizierte: der Widerstreit zwi-schen einer schulmässi gen Glorifizierung des "Lebens" inseiner prangenden Unbedenklichkeit - und der pessimistischenVerehrung des Leidens mit seiner Tiefe und seinem Wissen.
Man kann sagen, dass an seiner schöpferischen Quelle dieserGegensatz eine persönliche Einheit gebildet hatte und erstin der Zeit streitbar auseinander gefallen war. Dr. Insti-toris war - man muss hinzufügen: Du lieber Gott! - mit Hautund Haar ein Renaissancemensch und Ines Rodde ganz ausgespro-chen ein Kind des pessimistischen Moralismus. Für ein® Welt,die "von Blut und Schönheit rauchte", hatte sie nicht dasgeringste übrig, und was das "Leben" betraf, so suchte sieja gerade Schutz davor in einer streng bürgerlichen, vor-nehmen und wirtschaftlich wohlgepolsterten Ehe, die nachMöglichkeit jeden Stoss abhielt. Es war eine Ironie, dassder Mann - oder das Männchen -, der ihr diese Zuflucht bie-ten zu wollen schien, so sehr für schöne Ruchlosigkeit unditalienische Giftmorde schwärmte.
Ich bezweifle, dass die beiden sich in weltanschaulichenKontroversen ergingen, wenn sie allein waren. Sie sprachendann wohl von näher liegenden Dingen und versuchten einfach,wie es sein würde, wenn sie sich verlobten. Die Philosophiewar mehr ein Gegenstand höherer gesellschaftlicher Unterhal-tung, und ich erinnere mich allerdings an mehrere Gelegen-
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