sönlich dies Ideal eigentlich zukam, noch die alles verändern-de und unterwühlende Epoche seine Erfüllung länger gestattete.
Damals näherte sich ihr ein gewisser Dr. Helmut Institoris,Ästhetiker und Kunsthistoriker, Privatdozent an der Techni-schen Hochschule, wo er, Photographien im Hörsaal herumschik-kend, über die Theorie des Schönen und die Baukunst der Re-naissance las, aber mit guten Aussichten, eines Tages auchan die Universität berufen und Professor, Ordinarius, Mitgliedder Akademie etc. zu werden, besonders wenn er, der Junggesel-le aus vermöglicher Würzburger Familie, Anwärter eines bedeu-tenden Erbteils, die Stattlichkeit seines Daseins durch dieGründung eines die Gesellschaft versammelnden Hausstandeserhöhte. Er ging auf Freiersfüssen und brauchte dabei nichtSorge zu tragen um die finanziellen Verhältnisse des Mädchensseiner Wahl, - im Gegenteil, er gehörte wohl zu den Männern,die in der Ehe ganz allein das wirtschaftliche Heft in Händenzu haben und die Gattin ganz von sich abhängig zu wissenwünschen.
Von Stärkegefühl zeugt das nicht, und Institoris war inder Tat kein starker Mann, - was sich auch an der ästheti-schen Bewunderung erkennen liess, die er für alles Starkeund rücksichtslos Blühende hegte. Er war ein blonder Lang-schädel, eher klein und recht elegant, mit glattem, geschei-teltem, etwas geöltem Haar. Den Mund überhing leicht einblonder Schnurrbart, und hinter der goldenen Brille blicktendie blauen Augen mit zartem, edlem Ausdruck, der es schwerverständlich - oder vielleicht eben gerade verständlich -machte, dass er die Brutalität verehrte, natürlich nur, wennsie schön war. Er gehörte dem von jenen Jahrzehnten gezüch-teten Typ an, der wie Baptist Spengler es einmal treffendausdrückte, "während ihm die Schwindsucht auf den Wangenkno-chen glüht, beständig schreit: Wie ist das Leben so starkund schön!"
428