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Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
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vollzog. Nun war diese der Verfall, nämlich der Verfallder grossen und einzig wahren Kunst des Kontrapunktes, desheilig kühlen Spieles der Zahlen, welches gottlob mit Gefühls-prostitution und frevelhafter Dynamik noch nichts zu tungehabt habe; und in diesen Verfall gehöre der grosse Bachaus Eisenach, den Goethe ganz zurecht einen Harmoniker genannthabe, schon mitten hinein. Man sei nicht der Erfinder destemperierten Klaviers, also der Möglichkeit, jeden Ton mehr-deutig zu verstehen und ihn enharmonisch zu verwechseln, alsoder neueren harmonischen Modulationsromantik, ohne den hartenFamen zu verdienen, den der Bescheidwisser von Weimar ihmgegeben habe. Harmonische Kontrapunktik? Das gebe es nicht.Das sei nicht Fleisch und nicht Fisch. Die Erweichung, Ver-weichlichung und Verfälschung, die Umdeutung der alten undechten, als Ineinanderklingen verschiedener Stimmen empfun-denen Polyphonie ins Harmonisch-Akkordische habe schon im16. Jahrhundert begonnen, und Leute wie Palestrina, die bei-den Gabrieli und unser braver Orlando di Lasso hier auf demPlatz hätten bereits schimpflich daran Teil gehabt. DieseHerrschaften brächten uns den Begriff der vokal-polyphonenKunst "menschlich" am nächsten, o ja, und erschienen uns darumals die grössten Meister dieses Stils. Das komme, aber ein-fach daher, dass sie sich grossen Teils.schon in einer reinakkordischen Satzart gefielen und ihre Art, den polyphonenStil zu traktieren schon recht erbärmlich von der Rücksichtauf den harmonischen Zusammenklang, auf die Beziehung vonKonsonanz und Dissonanz erweicht gewesen sei.

Während alles sich wunderte und erheiterte und sich aufdie Kniee schlug, suchte ich nach Adrians Augen bei diesenärgerlichen Reden; doch gewährte er mir nicht seinen Blick.

Was von Riedesel anging, so war er die Beute völliger Kon-fusion.

- Pardon, sagte er, - erlauben Sie... Bach, Palestrina...

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