i£m eine schwarze Atlasschleife an den Schwanz band. Das Zei-chen des Totenkopfes wiederholte sich in ihrem Zimmer, es warsowohl als wirkliches zähnebleckendes Skelettpräparat als auchin Form eines bronzenen Briefbeschwerers vorhanden, der dashohläugige Symbol der Vergänglichkeit und der "Genesung” aufeinem Folianten liegend darstellte. Dieser trug, in griechischenLettern den Namen des Hippokrates. Das Buch war hohl, seineglatte Unterseite von vier kleinen, nur sehr sorgfältig, miteinem feinen Instrument zu lösenden Schräubchen gehalten. Alsspäter Clarissa sich mit dem Gift, das in der Höhlung verschlos-sen war, das Leben genommen hatte, überliess mir Frau SenatorRodde den Gegenstand zum Andenken, und ich bewahre ihn noch.
Auch Ines, die ältere Schwester, war zu einer tragischenTat bestimmt. Sie vertrat - soll ich sagen: jedoch? - das-erhaltende Element in der kleinen Familie, lebte im Protestgegen die Entwurzelung, das Süddeutsche, die Kunststadt, dieBoheme, die Abendgesellschaften ihrer Mutter, rückwärts gewandtmit Betonung zum Alten, Väterlichen, Bürgerlich-Strengen undWürdigen. Doch hatte man den Eindruck, dass dieser Konser-vatismus eine Schutzvorrichtung war gegen Spannungen und Ge-fährdungen ihres Wesens, auf die sie doch auch wieder einintellektuelles Gewicht legte. Sie war zierlicher von Gestaltals Clarissa, mit der sie sich sehr wohl vertrug, währendsie die Mutter still und deutlich ablehnte. Schweres asch-blondes Haar belastete ihr Haupt, das sie bei gedehntem Halseund gespitzt lächelndem Munde schräg vorgeschoben trug. DieNase war etwas höckerig, der Blick ihrer blassen Augen fastvon den Lidern verhängt, matt, zart und unvertrauend, einBlick des Wissens und der Trauer, wenn auch nicht ohne einenVersuch der Schalkhaftigkeit. Ihre Erziehung war nicht mehrals hoch korrekt gewesen; zwei Jahre hatte sie in einem vor-nehmen, vom Hofe protegierten Karlsruher Mädchenpensionatverbracht. Sie befleissigte sich keiner Kunst oder Wissen-