Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

er. - Ich weiss wohl, er möchte, dass ich mich ganz der Po-ly. hymnia ergebe. Sonderbar, dass die Leute einen immer aufden eigenen Weg ziehen wollen. Man kann es nicht allen rechtmachen. Aber ihm werde ich zu bedenken geben, dass durch dieLiturgie und ihre Geschichte die Musik stark ins Theologischehineinspielt, - praktischer und künstlerischer sogar, alsins Mathematisch-Physikalische, in die Akustik.

Indem er die Absicht kundgab, das Kretzschmarn zu sagen,sagte er es eigentlich mir, wie ich wohl merkte, und, wiedermit mir allein, liess ich es mir wiederholt durch den Kopfgehen. Gewiss, im Verhältnis zur Wissenschaft von Gott unddem Gottesdienst nahmen, wie die weltlichen Wissenschaften,so auch die Künste, nahm gerade die Musik einen dienenden,hilfsmittelhaften Charakter an, und dieser Gedanke stand imZusammenhang mit gewissen Diskussionen, die wir über das ei-nerseits sehr förderliche, andererseits aber melancholischbelastende Schicksal der Kunst, ihre Emanzipation vom Kultus,ihre kulturelle Verweltlichung geführt hatten. Es war mirganz klar: Der Wunsch, für ihn persönlich, für seine Berufs-perspektive die Musik auf den Stand herabzusetzen, den sieeinst, in seiner Meinung nach glücklicheren Zeiten, im Kul-tus-Verbande eingenommen, hatte bei seiner Berufswahl mitge-wirkt. Wie die profanen Forschungsdisziplinen so wollte erauch die Musik unterhalb der Sphäre sehen, der er selbst alsAdept sich weihte, und unwillkürlich schwebte mir, seine Mei-nung versinnlichend, eine Art von Barock-Gemälde, ein rie-siges Altarblatt vor, worauf alle Künste und Wissenschaften inunterwürfig darbringender Haltung der apotheosierten Gottes-gelehrsamkeit ihre Huldigung darbrachten.

Adrian lachte laut über meine Vision, als ich ihm von ihrerzählte. Er war vorzüglicher Dinge damals, zum Spass machena ehr aufgelegt - begreiflicherweise; denn ist nicht der Augen-blick des Flüggewerdens und anbrechender Freiheit, wenn das

127