Während seines letzten Schuljahres, als Ober-Primaner,begann Leverkühn, zu allem Übrigen, mit dem nicht obligatori-schen und von mir auch nicht betriebenem Studium des Hebräi-schen und verriet damit die Richtung, in der seine beruflichenPläne lagen. Es "stellte sich heraus" (absichtlich wieder-hole ich diese Wendung, die ich gebrauchte, als ich von demAugenblick berichtete, wo er mir mit einem Zufallswort seinreligiöses Innenleben entdeckte) - es stellte sich heraus,dass er Theologie studieren wollte. Pie Nähe des Abgangs-examens verlangte eine Entscheidung, die Wahl einer Fakultät,und er erklärte seine Wahl getroffen zu haben: erklärte esauf Befragen seinem Onkel, der die Brauen hochzog und "Bravo!"sagte, erklärte es spontan seinen Eltern zu Buchei, die es nochwohlgefälliger aufnahmen, und hatte es mir schon früher kund-gegeben, wobei er durchblicken liess, dass er das Studiumnicht als Vorbereitung für den praktischen Kirchen- und Seel-sorgedienst, sondern für eine akademische Laufbahn auffasse.
Das sollte wohl eine Art von Beruhigung für mich sein undwar es auch, denn ihn mir als Predigtamtskandidaten,Hauptpastor, oder selbst als Konsistorialrat und Generalsuper-intendenten vorstellen, war mir höchst unlieb. Wäre er wenig-stens katholisch gewesen, wie wir es waren! Sein leicht ein-zubildender Aufstieg, die Stufen der Hierarchie hinan, zumKirchenfürsten, hätte mich eine glücklichere, gemässere Per-spektive gedünkt. Aber sein Entschluss selbst, die Gottes-gelahrtheit zum Beruf zu erwählen, war etwas wie ein Chock fürmich, und ich glaube wohl, dass ich die Farbe wechselte, alser ihn mir eröffnete. Warum? Ich hätte kaum zu sagen gewusst,welchen er denn sonst hätte fassen sollen. Eigentlich warnichts mir gut genug für ihn; das heisst: Die bürgerliche,empirische Seite jeder Berufsart wollte mir seiner nicht würdig