Holländers, endlich die erhabene Humanität und Brüderlich-keit des "Fidelio" mit der grossen Ouvertüre in C, die vordem Schlussbilde gespielt wurde. Diese nun war dem doch, wieman erkennen konnte, das Imponierendste und Beschäftigendstevon allem, was seine junge Empfänglichkeit berührt hatte.Tagelang hielt er nach jenem auswärtigen Abend die Partitur der"Nummer 3 " an sich und las darin, wo er girgund stand.
- lieber Freund, sagte er, - wahrscheinlich hat man nichtauf mich gewartet, dass ich es feststellte, aber das ist einvollkommenes Musikstück! Klassizismus, - ja, raffiniert istes in keinem Zuge, aber es ist gross. Ich sage nicht: dennes ist gross, weil es auch raffinierte Grösse gibt, aber dieist im Grunde viel familiärer. Sag*, was hältst du von derGrösse? Ich finde, es hat sein Unbehagliches, ihr so Aug' inAug* gegenüber zu stehen, es ist eine Mutprobe, - kann man denBlick denn eigentlich aushalten? Man hält ihn nicht aus, manhängt an ihm. lass dir sagen, ich neige mehr und mehr zudem Eingeständnis, dass es schon etwas Eigentümliches ist umeuere Musik. Eine Bekundung höchster Tatkraft - nichts weni-ger als abstrakt, aber gegenstandslos, einer Tatkraft imReinen, im klaren Äther, - wo kommt denn sowas im Weltallnoch einmal vor! Wir Deutschen haben aus der Philosophiedie Redewendung "an sich" übernommen -und brauchen sie alleTage, ohne uns viel Metaphysik dabei zu denken. Aber hierhast du's, solche Musik ist die Tatkraft an sich, die Tatkraftselbst, aber nicht als Idee, sondern in ihrer Wirklichkeit.
Ich gebe dir zu bedenken, dass das beinahe die DefinitionGottes ist. Imitatio Dei - mich wundert, dass das nicht ver-boten ist. Vielleicht ist es verboten. Mindestens ist esbedenklich, - ich will damit nur sagen: "bedenkenswert".
Schau her: Die energischste, wechselvollste, spannendste Folgevon Geschehnissen, Bewegungsvorgängen, nur in der Zeit, ausZeitgliederung, Zeit-Erfüllung, Zeit-Organisation allein be-
122