Freund über alles die eigentümlich strenge und neue Stilge-bung in den über Bibeltexte gesetzten "Vier ernsten Gesängen",besonders die religiöse Schönheit des "0 Tod, wie bitterbist du". Schuberts immer zwielichtiges, vom Tode berührtesGenie aber suchte er dort mit Vorliebe auf, wo es einem ge-wissen nur halb definierten, aber unabwendbaren Einsamkeits-verhängnis zu höchstem Ausdruck verhilft, wie in dem gross-artig eigenbrödlerischen "Ich komme vom Gebirge her" desSchmidt von Lübeck, und jenem "Was vermeid’ ich denn dieWege, wo die andren Wandrer gehn" aus der "Winterreise", mitdem allerdings ins Herz schneidenden Strophenbeginn:
"Habe ja doch nichts begangen,dass ich Menschen sollte scheu’n -".
Diese Worte habe ich ihn, nebst den anschliessenden:
"Welch ein törichtes VerlangenTreibt mich in die Wüstenei’n?"die melodische Diktion andeutend, vor sich hinsprechen hörenund dabei, zu meiner unvergessenen Bestürzung Tränen inseine Augen treten sehen.
Selbstverständlich litt sein Instrumentalsatz unter demMangel an sinnlicher Erfahrung, und Kretzschmar liess es sichangelegen sein, dem abzuhelfen. In den Michaelis-, den Weih-nachtsferien fuhr er mit ihm (die Zustimmung des Onkels ein-geholt) zu vorfallenden Opern- und Konzertaufführungen in un-ferne Städte: nach Merseburg, nach Erfurt, sogar nach Wei-mar, damit ihm die klangliche Verwirklichung dessen zuteilwürde, was er im blossen Auszuge aufgenommen, allenfallsim Notenbild überblickt hatte. So mochte er die kindlichfeierliche Esoterik der "Zauberflöte" in seine Seele schlie-ßen; die bedrohliche Anmut des "Figaro"; die Dämonie dertiefen Klarinetten in Webers ruhmreich gehobenem Singspielvom Freischützen; verwandte Gestalten schmerzlich düstererAusgeschlossenheit wie die Hans Heilings und des Fliegenden
121